Mit dem Van am Ende der Welt
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Wildnis light: Mit dem T3 auf Fuerteventura

Das mit dem Reisetagebuch-Schreiben ist ein bisschen so wie mit dem Sport. Das wohlige Gefühl danach ist manchmal schöner als das Machen selbst. Aber immer, wirklich immer, hat es sich gelohnt.

So geht es mir auch jetzt, immerhin schon zwei Monate nach meiner eigentlichen Reise. Ich kann sie Revue passieren lassen, nochmal erleben, mich mit Ruhe zurückversetzen in die Momente, die ich damals mal amüsiert, mal inspiriert, mal widerwillig aufgeschrieben habe. Ich kann die Gefühle wieder abrufen als wäre es gestern gewesen. Und staune jedes Mal, wie viel eigentlich tagtäglich passiert ist, obwohl es doch „nur Urlaub“ war. Nichts gegen das digitale Horden von Bildern, aber: Schauen, fühlen wir eigentlich wirklich noch zurück?

5, 4, 3, 2, 1 und starten – How to T3

Unabhängig sein, frei sein und mal wirklich allein, einen ansatzweise simplen Lebensstil meistern – das hatte sich das Stadtkind in mir vom „Vanlife“ versprochen. Ich bin ja nicht so der Camper. Also gar nicht. Außer im Garten meiner Eltern mit ungefähr zwölf Jahren habe ich noch nie in einem Zelt geschlafen, geschweige denn eins aufgebaut. Gut, dass das schonmal wegfällt und ich mein Zelt auf Rädern nachts abschließen kann. Aber ich frage mich schon: Wo werde ich in den nächsten sieben Tagen auf die Toilette gehen, wo duschen und was wenn ich nachts Angst bekomme? Einen Van zu fahren traue ich mir zwar zu, aber es sollte meine erste große Hürde werden.

Gemietet habe ich den Bulli von Homebound Vintage Vans, die auf Teneriffa ihren Sitz haben. Luis ist mein Ansprechpartner auf Fuerte. Er ist auch per WhatsApp erreichbar und soll mich vom Flughafen in Puerto del Rosario abholen. Dachte ich. Schließlich kommen aber zwei Kumpels von ihm in einem weißen T3 Joker mit Westfalia-Ausstattung, der seine besten Tage definitiv hinter sich hat. Beide sprechen kein Wort Englisch, ich kein Wort Spanisch. Macht auch nichts, denn in dem Rasenmäher-lauten T3 hätte ich von der Rückbank aus ins Cockpit schreien müssen, um mich zu verständigen. Festgekrallt an einem der oberen Halteriemen, bewege ich innerlich noch einen Funken Hoffnung von rechts nach links, dass ich in der „Zentrale“ der Werkstatt-Jungs, wo wir offenbar gerade hinfahren, noch einen anderen T3 bekomme. Das ist nicht der Fall.

Der Partner von Luis, dessen Namen ich in der Aufregung sofort wieder vergesse, erklärt mir jetzt also die Handhabung des T3. Auf Spanisch. Mit Händen und Füßen. In einer Gemengelage von Schock und Abenteuerlust stammele ich solche sinnlosen Worte wie „Gasos“ in das hektische Gesicht des Spaniers, habe aber am Ende das Gefühl die wichtigsten Dinge kapiert zu haben, auf die es bei der Diesel-Diva ankommt: Schlüssel umdrehen und vorm Starten erst bis 5 zählen, Kupplung auf gar keinen Fall zu lange schleifen lassen, wenn die Temperatur-Lampe rot aufleuchtet sofort stehen bleiben und nicht mehr weiterfahren und Ventil der Gasflasche beim Fahren auf jeden Fall schließen (wie herum ist nochmal zu?). Und: Der erste Gang ist da, wo üblicherweise der zweite ist. Der zweite Gang ist da wo üblicherweise der dritte ist und so weiter. Das wird…interessant! Dass der Wagen an allen Ecken und Kanten schon beschädigt ist, sehe ich mal als Vorteil. Dass das ramponierte Radio bestimmt keinen Pieps mehr von sich geben kann, als Nachteil. Bevor ich losfahre, bekomme ich noch eine Art Straßenkarte. Auf meine Frage nach „Banjos à la playa everywhere?“ nickt der Mechaniker fleißig. Wie schön.

Geparkt ist mein „Joker“, wie sollte es anders sein, an einer leicht abschüssigen Straße. Ich spüre die Jungs im offenen Rolltor der Werkstatt feixen und amüsiert den Kopf schütteln. „Das arme Mädchen, ganz alleine.“ Nix da! Mit dem Abwürgen des Bullis lasse ich mir Zeit bis ich aus ihrer Sichtweite verschwunden bin, am ersten Kreisverkehr. Hinter mir ungeduldige Spanier, fast Stoßstange an Stoßstange, ein LKW hupt, dass es einem durch Mark und Bein fährt. Ich schwitze und rumpele auf die Schnellstraße. Erstmal an die Gänge gewöhnen und an die Kupplung. Beim Schalten habe ich das Gefühl, mit einer Kelle in einem Hexenkessel mit Kleister zu rühren. Der Wagen schwimmt und das nicht nur, wenn eine typische Fuerte-Windböe in die Seite kracht. Für den Moment ignoriere ich das Schwimmen und beschließe, erstmal nicht schneller als 60 zu fahren.

Nach einer halben Stunde auf der Schnellstraße gen Süden fängt es langsam an, Spaß zu machen. Ich throne zufrieden auf meinem durchgesessenen Fahrersitz, türkisblaues Wasser mit Wind- und Kitesurfern zu meiner linken (vorbei an der Costa Calma und Playa de Esquinzo), imposante Lava-Landschaft zu meiner rechten. Obwohl es mein erster Tag ist, nehme ich gleich das vermutlich schwierigste aber auch spannendste Ziel in Angriff…

Tag 1: Im Schritttempo zum Playa de Cofete

Nach allem was ich vorher in Blogs gelesen habe, ist die Anfahrt zu Cofete die anspruchsvollste der Insel. Ab Morro Jable wird die Straße zu einer Schotterpiste, die schon bald enger wird und steil. Unter mir prasseln die Steine ans Blech. Aus den entgegenkommenden Autos starren mich die ausnahmslos männlichen Fahrer freundlich und erstaunt an. Ich hoffe, das sagt nichts über den Schwierigkeitsgrad der weiteren Strecke aus. Und wenn schon. Mir wird klar: Hah! Ich kann ja überall stehen bleiben, die Handbremse funktioniert und ich habe Essen für mindestens drei Tage eingekauft. Was soll schon passieren? Jetzt nicht kindisch werden.

Ich fahre geduldig im ersten und zweiten Gang. Wo die sich befinden, habe ich inzwischen verinnerlicht. Die Geräusche meines Gefährts sind mir zunehmend egal. So einige Touristen-Kleinwagen und Jeeps überholen mich und nach einer Dreiviertelstunde biege ich um die entscheidende Ecke: Vor mir liegt ein Wahnsinns-Ausblick auf mehr als elf Kilometer Bucht. Ich bin am höchsten Punkt der Strecke angekommen, ab jetzt geht es bergab. „Does it get any worse?“, frage ich einen entgegenkommenden Mann. „No no, you can do it!“ Na, wenn der das sagt. Ich krieche weiter von Schlagloch zu Schlagloch, der erste Gang wird mein bester Freund. Nach einer weiteren Dreiviertelstunde werde ich belohnt. Der Strand von Cofete liegt vor mir in seiner ganzen Pracht. Ich wähle einen Standplatz auf dem offiziellen Parkplatz, direkt neben einem alten Friedhof. Auch für die erste Nacht wähle ich also maximale Herausforderung. Wehe hier spukt’s!

Baden ist hier generell verboten. Lebensretter gibt es keine, ebenso wenig Toiletten, Restaurants oder Kioske. Nur Tagesgäste, die mit Tourveranstaltern wie die Fliegen einfallen. Ich habe das Gefühl, schon am ersten Tag meiner Reise am Ziel angekommen zu sein. Wieso habe ich nicht für sieben Tage eingekauft? Wie lange reicht das Trinkwasser? So langsam meldet sich der Hunger – also muss ich mich wohl an den Gasherd heranwagen. Davor habe ich mindestens so viel Respekt wie vor dem Fahren. Nach zwei, drei Versuchen, mit dem „mitgelieferten“ Feuerzeug ein Flämmchen hinzukriegen (Hand mit dem Feuerzeug schnell wegziehen, aber nicht zu schnell; gleichzeitig sanft am Temperatur-Regler drehen, aber nicht zu sanft), versagt das Feuerzeug. Bravo. Gerade jetzt wo ich so schön autark sein wollte. Ich schiebe die Gardine meines Seitenfensters beiseite und luge hindurch. Zwei Männer picknicken gerade keine zehn Meter von meinem Van entfernt – vielleicht können sie helfen. Sie können. Die offensichtlichen Nichtraucher schenken mir ihr Feuerzeug und – als ich schließlich satt und zufrieden bäuchlings in meiner Heckklappe liege – zwei Äpfel. Roman, so heißt einer der beiden Männer mit russischer Abstammung, besteht darauf, mir mit einem betont sorgenvollen Gesicht seine Handynummer in die Kladde zu schreiben, „if you need any help.“ Er wirkt verlegen und ist vielleicht gar nicht so homosexuell wie ich dachte. Nun gut. Die beiden russisch-stämmigen Picknicker wirken nett und leben auf Fuerteventura. Vielleicht brauche ich ja wirklich nochmal einen Telefon-Joker. „Write me!“, verabschiedet sich Roman und braust mit seiner Verabredung vom Hof. Außer mir steht jetzt noch ein anderer Bulli am anderen Ende des Parkplatzes, dessen Besitzer ich nicht gesehen habe. Endlich allein! Ich lese und versinke noch ein wenig in meinem aktuellen Lieblingsbuch („Verletzlichkeit macht stark“ von Brené Brown) bevor es um 20 Uhr heißt: Heck-Klappe zu, schlafen.

Tag 2: Sagen Sie jetzt…nichts!

War das gestern nur ein Tag? Nur 24 Stunden? Ich habe das Gefühl, Zeit und Raum haben sich gedehnt. Trotz Friedhof und absoluter Finsternis habe ich tief und fest (neben meiner Taschenlampe) geschlafen und fühle mich mit dem Morgengrauen ausgeruht. Ich lasse das Meeresrauschen herein und räkele mich. Das Aufwachen an einem so einsamen und mystischen Ort hat etwas Magisches. Ich fühle mich unbesiegbar, lebendig, frei.

Zwischen mir und dem ersten Kaffee steht nur eins: Der Gasherd. Mein Daumen erinnert sich noch, aber da muss er jetzt durch. Bleibt noch die Frage wo ich hier entspannt austreten kann. Im toten Winkel zum zweiten, noch immer verwaist aussehenden, Bulli hocke ich mich schließlich hinter einen der Sandhügel. Nur eine Viertelstunde später ruckelt der erste Touristenbus an. Dutzende Menschen steigen aus, ich bilde mir ein, Fetzen von Spanisch oder Italienisch zu hören, ein Kameramann wirbelt hektisch um die Gruppe herum. Prominent scheint aber keiner zu sein. Eine Frau spaziert direkt vor meiner Heckklappe her, mein Blick bleibt an ihr kleben. Ich halte die Luft an, sie verfehlt meinen Donnerbalken nur um schätzungsweise einen halben Meter. Ich lache in meine Matratze. Morgen dann vielleicht etwas weiter weg auf Klo. Am späten Vormittag fährt der zweite Bulli weg, ich parke um. Der Keilriemen heult beachtlich auf, mein „Joker“ springt erst nach einem Husten an. Ich beschließe, den Kühlschrank in der Nacht vielleicht doch abzuschalten, um Batterie zu sparen. Wenn ich hier absaufe – das wird ein Spaß für Luis und Co, mich hier abzuholen.

Ich genieße meine „Pole Position“ zum Meer, in Unterwäsche und Ellenbogen auf einem Kissen aufgestützt, den Kopf in den Händen. Irgendwie kommt es mir in den Sinn, dass ich ja jetzt, genau so wie ich hier liege, einen Kiosk eröffnen könnte. Ich verwerfe den Gedanken aber schnell wieder. Gar nicht unbedingt wegen meiner Unterwäsche, sondern weil meine Bierdosen abgezählt sind. Urlaub im Klischee: Bulli, Bier, Gammel-Look und am linken Arm Sonnenbrand, weil ich mich gestern zu lange lässig rausgelehnt habe während der Fahrt. Ich finde mich selber lustig, jedenfalls kurz.

Auch andere kämpfen mit der Coolness. Im Sand versucht ein Kitesurfer vergeblich, seinen Schirm zu bändigen. Seine Freundin tänzelt um ihn herum. Das Spektakel dauert etwa eine Stunde – dann geben beide auf. Ich schaue nur ab und zu rüber. Stattdessen feiere ich Brené Brown. Dafür, wie sie den Unterschied zwischen Schuld, Verlegenheit und Scham erklärt. Für solch’ kraftvolle Einsichten wie der, dass Verletzlichkeit und Mut ansteckend sind und emotionale Betäubung nie nur die Dunkelheit betäubt, sondern – leider – immer auch das Licht. Und dafür, wie Brown deutlich macht, dass wir alle – egal wo, wie, wann – Freude schlichtweg verdient haben. Einfach so. Wir müssen ihr nur trauen. Das muss sich setzen – und ich muss laufen. Den Strand entlang. Insgesamt sind es elf Kilometer, etwa gleich verteilt auf Nord und Süd. Viele Tagesgäste machen sich nicht die Mühe. Ich habe die Muße und heute noch kein einziges Wort gesprochen, nicht mal mit mir selbst. Hatte vergessen, wie sehr ich das mag.

Wegmarkierung zum Restaurant in Cofete

Die Neugier und Appetit treiben mich am frühen Abend den Berg hinauf. Ich hatte auf dem Hinweg ein Hinweis-Schild zu einem Restaurant gesehen. Dem einzigen hier in Cofete. Ich möchte außerdem an meinen Vorräten sparen, so dass ich noch zwei Nächte bleiben kann. Ich bin erleichtert als ich leicht erschöpft schließlich ankomme: Bis 19 Uhr ist geöffnet, es ist etwa 18 Uhr. Eine barsche Frau mit Schürzte schaut mich abschätzig an. Essen? Sie schüttelt den Kopf: „Mañana!“, und lässt mich einfach stehen. Etwas trotzig stapfe ich raus, fassungslos ob dieser kleinen Herzlosigkeit und denke mir: „Mañana!“, sollst du haben, pah! Schon nach einigen Schritten bergab löst sich mein Trotz und ich freue mich auf mein trautes Heim auf vier Rädern. Einige Autofahrer bleiben tatsächlich auch über Nacht – bewaffnet mit Decken und Plastiktüten, später sehe ich auch ein Feuer. Das wird nötig sein. Die Mai-Nächte sind feucht und frisch. Dankbar schlupfe ich später unter meine Iso-Decke und freue mich schon auf das nächste Aufwachen am Strand.

Tag 3: Gefühls-Tanz auf dem Wal und hoch zum Spukschloss

7 Uhr, ich bin erholt, aber rastlos. Heute Morgen will ich zum nördlichen Ende des Cofete-Strandes joggen. Gestern war die Südseite dran, meine Waden singen ein Lied davon, das Muskelkater heißt. Es ist aber dieser wohlige Muskelkater, der dir charmant zuflüstert: Hey, du warst fleißig. Lange war ich wegen meines zickigen rechten Knies nicht mehr laufen – jetzt bin ich selbst auf nüchternen Magen motiviert. Das Ziel ist der Felsbrocken am nördlichen Ende des Strandes, der aus der Ferne aussieht wie ein gestrandeter Wal. Die Luft ist salzig, getränkt von der Gischt und dem schleierhaften Dunst, der sich erst in der nächsten Stunde langsam auflösen wird. Meine nackten Füße suchen den nassen Sand, der mich nicht so tief einsinken lässt. Über mir krächzen die Möwen und wundern sich bestimmt, wer sie da am frühen Morgen stört.

Vor mir kommt langsam die Morgensonne hinter dem Bergmassiv hervor und der im Wasser liegende Wal entpuppt sich als begehbarer Felsen, in dem es selbst kleinere, vom Meer umspülte, Spalten zu geben scheint. Im Sand liegt ein schwarzes Tuch, ein Schuh und Plastikmüll, keine Menschenseele weit und breit. Wie gespenstisch! Plötzlich bin ich wieder Zwölf, klettere den Fels hinauf, vorsichtig, weil ich mich an den Steinen nicht schneiden will. Wage mich vor bis zu der vermuteten Felsspalte, in die die Wellen klatschen. Der Blick zurück, entlang des Strandes mit nur meinen Fußstapfen, ist grandios. Jetzt die Zeit anhalten bitte! Ich atme tief ein und aus. In den Salzgeruch hat sich mein Entdecker-Schweiß gemischt. Beseelt kraxele ich langsam zurück und grüße dann ganz offiziell und yogisch die Sonne. Was für ein Glück, dass ich das erleben darf. Egal ob morgen die Karre noch anspringt, egal ob morgen mein Knie zwickt, egal was gerade zuhause in Deutschland passiert, egal ob es das letzte Mal war, dass ich so friedvoll mit mir sein kann. Das Gefühl dazu bleibt. Ich speichere es ab, wie eine Sicherheitskopie, auf der internen Festplatte, ganz tief drin. Auf halber Strecke zurück zu meinen „Joker“, an einer flachen und gut einsehbaren Stelle, hopse ich ins Meer. Nackt. Meine Morgendusche.

Ich und der Gasherd kommen inzwischen ganz gut zurecht. Der Kaffee – obwohl genau der gleiche wie zuhaus – schmeckt hier irgendwie anders. Besser. Weil er so hart erarbeitet ist. Ich fiebere schon dem Mittagessen entgegen. Wenn es denn dazu kommt. Denn ich will wieder rauf ins Restaurant wo ich gestern so barsch abserviert wurde. Diesmal wird serviert. Ziegenkäse mit Salat und Baguette. Um mich herum vor allem spanische Touristen, aber auch vereinzelt deutsche. Nach dem letzten Bissen packt mich wieder die Neugier. Ich möchte rauf zu der verwunschenen weißen Villa, die im Bergmassiv ruht. Ich mache mich auf den Weg, überhole zwei Esel und erreiche schließlich das herrschaftlich anmutende Gebäude, die „Casa Winter“. Das Grundstück wirkt verwahrlost. Ein demolierter und verrosteter Jeep, das Skelett eines Zierkopfes auf einem Strauch aufgespießt, oben unterm Dach gurren Tauben. Vorm Eingang hängt eine Satellitenschüssel, also scheint wirklich jemand zu leben. Gerade scheint das Museum Siesta zu machen. Laut Schild öffnet es in einer halben Stunde wieder.

Ich beschließe, zu warten, um 15 Uhr klopfe ich. Schlechte Idee. Hinter der Fassade fangen Hunde an zu bellen. Dieses zähnefletschende Bellen, das ich von einer Begegnung aus Portugal kenne. Ich sehe mich schon in Stücke gerissen auf diesem gruseligen Anwesen verrotten. Höchste Zeit für den Rückweg!

Neben meinem „Joker“ hantieren zwei Mädchen an ihrem Mietwagen. Ihnen ist auf dem Weg hierher der Reifen eingedellt. Offenbar Altersschwäche. Die Schwestern kommen aus Leipzig und gehen beherzt zur Sache. Ich bin fasziniert wie geübt sie den Reifen wechseln, biete pro forma natürlich meine Hilfe an und schaue die ganze Zeit zu. Hier kann man richtig was lernen!

Später habe ich außerdem neue Nachbarn. Ein weißer T4 mit Solarzellen auf dem Dach. Fancy! Ein Pärchen aus der Schweiz. Am Abend bietet die Frau mir an, ein Foto von mir zu machen, „du sitzt da so schön vor deinem Bulli“. Mir soll’s recht sein. Aber bitte ohne Kopf. Sie ist Schweizerin und als ich sage, dass ich mein nächstes Ziel noch nicht weiß, kommt sie bald mit einem Zettel zurück. Aha, ein einsamer Strand bei La Pared. Dann nehme ich morgen Kurs auf den. Das Foto-affine Pärchen versucht später mit Stativ und großem Besteck den Sonnenuntergang einzufangen. Nicht so einfach, weil sie meiner Meinung nach in die falsche Richtung gucken. Nach vorne. Viel schöner ist das Lichterspiel, die Atmosphäre, im Bergmassiv hinter uns. Warum drehen die sich nicht mal um? Ich bin zu weit weg um es ihnen zuzurufen. Nach einer halben Stunde trotten sie mit ihrer Ausrüstung zurück zum Van.

Tag 4: Der T3 läuft und läuft und läuft mehr als 140 Kilometer am Stück

Ein letztes Mal zum Wal joggen. Genau wie gestern. Und doch fühlt es sich anders an. Nicht nur, weil zum Muskelkater in den Waden auch welcher in den Fußsohlen dazu gekommen ist. Nein. Jeder Tag ist anders. Es gibt kein zweites erstes Mal. Dieser Zauber, der wahrlich jedem Anfang innewohnt, ist flüchtig. Das immer wieder zu akzeptieren, im Kleinen wie im Großen, scheint mir manchmal eine nicht enden wollende Prüfung. Ich mache alles wie gestern: Auf den Fels klettern, tief atmen, Sonnengrüße, Morgendusche, dankbar zurück spazieren.

Nach meinem obligatorischen Kaffee mache ich meine weiße Rappelkiste startklar. Sie startet tatsächlich, nicht ohne husten und kreischen. Der Rückweg um die Bergkuppe schüttelt mich wieder ordentlich durch, an Musik aus meinem Smartphone ist bei dem Lärm nicht zu denken, aber ich genieße jeden Meter. Ich arbeite mich zurück bis zur Costa Calma, biege links ab nach La Pared und suche den empfohlenen Strand. Ich frage einen Müllwerker gestikulierend nach dem Weg – er eskortiert mich mit seinem Wagen auf die richtige Route. An der steilen Küste angekommen, kann ich runter auf den Steinstrand blicken, den ich nicht so einladend finde. Ich muss wohl meinen eigenen Geheimtipp finden. Als ich darüber sinniere, findet mich wieder mal: ein Hund. Er wirkt verspielt, setzt sich aber mit herausforderndem Blick genau zwischen mich und den „Joker“. Hinter mir die Klippe. Weg abgeschnitten. Da stehe ich mit meinem Kaffee. Zum Glück wird er kurze Zeit später abgelenkt. Wie von der Tarantel gestochen haste ich in meinen T3, Tür zu und weg. Danach nehme ich Kurs auf Los Molinos – nach einem spontanen Stopp an einer Ziegenfarm. Dort sind vor wenigen Stunden Ziegenbabys geboren.

Los Molinos ist beschaulich, man könnte eher sagen: langweilig. Parken kann ich auch nicht. Das macht mir die Entscheidung leicht: Obwohl mein Kopf schon dröhnt, fahre ich noch heute bis El Cotillo durch. Einer meiner Sehnsuchtsorte, den ich noch aus dem vergangenen Jahr kenne. Erschöpft erreiche ich die Stadt und finde am öffentlichen Strand La Concha etwas, das ich kaum noch für möglich gehalten hätte: eine Süßwasserdusche. Ich jubele innerlich und stehe schon bald im Bikini und mit Duschgel an der Säule. Nicht einberechnet hatte ich den Wind. Das Wasser fliegt in scharfem Winkel über meinen Kopf hinweg zum Strand. Egal. Ich muss einfach duschen. Ich verrenke mich und hüpfe. Die Gäste in der Strandbar nebenan versuche ich auszublenden. Auch wenn das „Was sollen die Leute denken“ so tief in mir drin ist – das merke ich immer wieder. Einigermaßen sauber und umso satter, schaue ich mich später zuerst an den Kitesurfern am Piedra Playa duselig und dann am Sonnenuntergang beim Leuchtturm. Hier in den Strandbuchten nördlich der Stadt findet man gute Standplätze und ich schlafe ziemlich bald ein.

Tag 5: Dem Bulli platzt der Reifen und wem anders fast der Kragen

Um zehn Uhr geht die Surfstunde bei Damiano los, wir fahren zum Piedra Playa. Ich und noch zwei andere Urlauber sind die „Fortgeschrittenen-Gruppe“, wobei jeder von uns auf einem anderen Level surft. Immerhin bin ich diesmal nicht diejenige, die sich am ungeschicktesten anstellt. Eigentlich war ich nur hier, um Surf-Buddies zu finden. Stattdessen ein viel zu schnell redender Surf-Lehrer mit italienischen Wurzeln, der die Grundregeln wieder mal anders erklärt als mein letzter. Warum müssen sich Surflehrer eigentlich immer widersprechen? Und warum fuchteln sie ständig mit GoPro’s herum? Ich will nicht posen, ich will surfen! Aber ich verzeihe Damiano, denn er ist der erste Trainer, der uns für die Bretter parfümiertes Wachs mitgebracht hat. Das hat Stil, hmmm! Passend dazu zeigt er uns den „Chicken Dive“, also das Durchtauchen durch eine Welle, nachdem man das Brett hinter sich geworfen hat. Finde ich irgendwie albern, aber kostet weniger Aufmerksamkeit und Kraft als eine Eskimo-Rolle. Heute ein Huhn.

Am Nachmittag will ich die Strände rund um El Cotillo erkunden. Da mein linker Vorderreifen Luft zu verlieren scheint, mache ich aber vorher noch einen Stopp an der Tankstelle. Ein Pärchen aus Holland mit einem tiefblauen, riesigen Caravan hilft mir, denn ich bin mal wieder völlig ahnungslos. Die Räder voll Luft fahre ich beruhigt weiter – auf der Suche nach einem weniger steinigen Weg als den an der Küste, der mich zu den Strandbuchten m Süden von El Cotillo bringen soll. Ich bin skeptisch was meine Reifen angeht. Also zurück auf die Hauptstraße und tatsächlich finde ich von dort einen sandigen aber gut befahrbaren Einstieg zurück Richtung Wasser. Mein erstes Ziel heißt Playa de Esquinzo – stattdessen lande ich am Playa de la Escalera.

Die Blogger von „Beach Inspektor“ haben nicht zu viel versprochen. Ein entlegener, fast menschenleerer Strand mit einer atemberaubend steilen Treppe nach unten, die durchaus mal wieder geflickt werden könnte. Ich mache es mir auf den Felsen bequem, den Sand haben die Wellen eingenommen. Beim Lesen taucht in meinem Augenwinkel plötzlich eine Ratte auf, denke ich, und zucke zusammen. Bei näherer Betrachtung ist eine Art freundliches Erdmännchen, das mich erwartungsvoll anschaut. Schon bald sind wir uns aber einige, dass ich meinen Apfel und das Wasser behalte. Der Kleine hat wohl eher auf Kekse gehofft. Zurück am Wagen bewahrheitet sich das, was mir schon an der Tankstelle schwante. Der Vorderreifen an der Fahrerseite hat eine Delle, von einem mittelgroßen Stein. Einfach nur vom Draufstehen. Hier ist definitiv was nicht in Ordnung. Ich texte Luis, dass ich wieder zur Tankstelle in La Oliva fahre. Dort angekommen dauert keine Viertelstunde und ein weißer T3 fährt vor. Der wirkt im Gegensatz zu meinem sehr gut in Schuß. Aus der Fahrerkabine hopst ein bekanntes Gesicht: der spanische Vermieter, der mich am ersten Tag abgeholt hat. Wie schön. Und er scheint sich mit T3s auszukennen. Allerdings ist er sichtlich genervt, denn ich habe ihm wohl gerade das Wochenende durchkreuzt. Auf dem Beifahrersitz hockt nämlich eine weibliche Schönheit im Bikini. Ich hoffe die Angelegenheit ist bald erledigt und lächle zu seiner Begleiterin. Plötzlich kracht es. Beim Aufpumpen des Reifens ist das Ventil geplatzt. Zu dritt schauen wir andächtig zu, wie mein T3 nach rechts vorne einsackt. Die spanische Flucherei verstehe ich nicht, dafür wird mein T3-Meister jetzt noch hektischer und krabbelt unter seinen Wagen, um einen Ersatzreifen hervorzuholen. Er scheint immerhin genau zu wissen wie das geht. Ich plaudere inzwischen mit seinem Date: Sie arbeitet immer mal wieder in Hotels als Tänzerin und Sängerin. Wir kichern ein wenig über das Ächzen und Stöhnen unter meinem T3. Schließlich fehlt ein zweiter Wagenheber und mein Reparateur muss mit einem Messer aus meiner Bulli-Küche den Wagen noch einen Zentimeter höher hieven. Das bricht dabei zwar ab, aber es reicht. Endlich ist der neue Reifen dran! Noch etwas zerknirscht bedeutet mir spanische Wirbelwind, dass jetzt alles in Ordnung ist. Wir werden sehen!

Tag 6: Die Liste der Sehnsuchts-Strände füllt sich

Der Wind ist brachial in dieser Nacht. Um 2 Uhr entschließe ich mich, woanders zu parken, um dem Getöse zu entgehen. Beim Starten des Motors leuchtet die Temperaturlampe rot und geht nicht mehr aus. Also, überhitzt kann das Schätzchen nicht sein. Ich seufze und fahre in das geschütztere Zentrum von El Cotillo. Auch die Testfahrt am Morgen ergibt: Die rote Lampe bleibt. Trotz Durchatmen texte ich eine böse Nachricht an meinen deutschen Vermieter und an Luis – weigere mich den Wagen weiter zu nutzen. Sonntagmorgen – mal sehen wann sie das lesen, ich gehe erstmal zur Surfstunde. Damianos Wasserfall an Worten rauscht an mir vorbei. Er versucht mir das Prinzip zu erklären, wie man eine Tube surft. Das kann er nicht ernsthaft erwarten, nicht von mir und den gerade eher mäßigen Wellen, aber er redet immer weiter auf mich ein. Immerhin verstehe ich am Ende was ein „Close Out“ ist – und dementsprechend auch, dass es einfach gerade kein guter Zeitpunkt zum Surfen ist.

Vielleicht dafür einer, um mich mal wieder um meinen T3 zu kümmern. Als ich zurück am Auto bin hat Luis wieder was organisiert. In etwa einer Stunde soll ein Kumpel kommen. Oh Mann, den Jungs habe ich das Wochenende auch mal schön zersägt. Nach meinem Mittagessen im Bus knattert tatsächlich jemand neben mich: in einem blauen VW-Käfer, blitzeblank. Wieso fahren hier alle eigentlich einen tiptop VW nur ich nicht? Wieder kommt einer der Mechaniker vom ersten Tag, wieder mit Frau, die aber auch nur Spanisch spricht. Ihr Begleiter macht die Motorklappe auf und füllt eine giftgrüne Flüssigkeit irgendwo rein – ich hoffe in das richtige Loch. Klappe zu, fertig. Ich kann es nicht glauben. Erwarte ein kompliziertes mechanisches Problem und jetzt soll dieser Zaubertrank helfen? Meine Forderung nach einer Testfahrt versteht er nicht und ehe ich mich versehe, ist er mit dem wunderschönen Käfer und der blonden Begleiterin abgerauscht. Tatsächlich bleibt die rote Lampe jetzt beim Fahren aus. So langsam gewöhne ich mich an diese Telefonjoker.

Das Surfen lasse ich am Nachmittag die Profis machen, am Playa de Esquinzo. Den habe ich nämlich endlich gefunden. Nur wenige andere auch.

Es gibt mehrere säuberlich aufgereihte Steinburgen, hinter denen Strandbesucher Schutz vor dem Wind finden. Drei Spanierinnen posieren im Akkord für Selfies, eine auch im Handstand, immer mal wieder klettern Touristen runter zum Strand. Irgendwann zückt eine der Instagram-Spanierinnen ihr Board und erwischt nach unzähligen Duck Dives und etwas Geduld einige richtig gute Wellen. Ich bin wie hypnotisiert: Was für eine Ästhetik, als wäre es das Leichteste der Welt. Nach einigen Stunden tuckere ich zurück zu meinem Leuchtturm – nicht ohne vorher einen Stopp am Playa de Concha einzulegen. Aber, wie sollte es anders sein, es ist zu windig zum Duschen. Wieder einmal Katzenwäsche.

Tag 7: Einmal um die Nordspitze und gestrandet im Hafen von Puerto del Rosario

Heute gibt es nur ein Board und mich. Ich übe noch ein wenig selbst vor mich hin. Diese Ruhe! Keine Anweisungen, keine GoPro. Bis 15 Uhr kriege ich vielleicht vier Wellen vernünftig, aber das reicht mir. Zwischendurch lausche ich trotzdem einem anderen Surflehrer, der zwei anderen Schülern tatsächlich erlaubt, nein befiehlt, zum Aufstehen die Außenseiten des Boards anzufassen. Ich will fast einmischen. Ich habe das als eines der großen Verbote gelernt, neben dem Runterstarren auf Brett und Füße. Surfen kennt offenbar doch keine Dogmen. Ich packe zusammen und nehme langsam Abschied von El Cotillo, schweren Herzens. Ich habe mich entschlossen, die letzte Nacht in Puerto del Rosario zu verbringen, um am nächsten Morgen schnell am Flughafen sein zu können. Ich mache aber noch einen Schlenker in den Norden Fuerteventuras, der landschaftlich nochmal einen Akzent setzt, vorbei am Strand El Hierro und mit Blick auf die Insel Lobos. In Puerto del Rosario einen schönen Standplatz zu finden, hatte ich mir leichter vorgestellt. Wäre ich doch in El Hierro geblieben! Ich ende im Hafen der Stadt, nicht weit von der Werkstatt in der vor einer Woche meine Reise begann. Wieder mal ungeduscht plumpse ich vor einem nahe gelegenen Bistro in den Plastikstuhl und beschließe diesen Urlaub mit Paella und Sardinen.

Fazit: Ich bin sehr naiv losgefahren und habe mich blind auf Menschen verlassen müssen, mit denen ich kein Wort reden kann. Ich bin an Kleinigkeiten wie dem Gasherd verzweifelt oder den fehlenden Sanitäranlagen – im Rückblick völlig belanglos. Noch nie habe ich bei solch tosendem Wind allein im Dunklen quasi draußen geschlafen. Geht. Noch nie habe ich mich nach einem Urlaub so auf eine Dusche gefreut. Und: Noch nie war mir klarer, was für eine Lebensaufgabe es wäre, sich selbst einen T3 anzuschaffen. Vielleicht einen T4. Wenn ein Mechaniker mitgeliefert wird.

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