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Mit dem Postschiff um das Nordkap in Norwegen: 6 Tage Hurtigruten

So nah war ich Russland noch nie. Zehn Kilometer sind es von Kirkenes (gesprochen: „Schirkenes“) im Norden Norwegens bis zur russischen Grenze. Grenz-Anwohner brauchen kein Visum für das jeweils andere Land. Und auch der Handel floriert, jedenfalls sind Einwegwindeln in Kirkenes oft ausverkauft, wie man hört.

Tag 1: Einchecken am Hurtigruten-Wendepunkt in Kirkenes

Anfang Mai zeigt das Thermometer in Kirkenes 1 Grad, bei Schneeregen, gefühlt sind es minus 7. Ich habe die Nacht in einer AirBnB-Wohnung verbracht, die Rentner Robert vermietet. Er hat früher für die Regierung gearbeitet, im Bereich Telekommunikation. Klingt wie eine Agententätigkeit, aber ich frage nicht weiter nach. Er war jedenfalls schon in Darfur und Kuwait stationiert – und wegen einer Evakuierung aus seinem Einsatzgebiet auch kurzzeitig mal am Flughafen Köln/Bonn. Ich hätte gerne noch viel mehr gefragt, aber Robert hat wenig Zeit. Er packt. Morgen fährt er in sein Sommerhaus nach Trondheim, mit dem Auto. „Wahrscheinlich durch Finnland und Schweden, das ist kürzer.“ Ich stutze und versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich – wie so oft – vor einer Reise mal wieder nicht gut genug auf die Landkarte geschaut habe.

Ja, Kirkenes liegt sehr sehr weit im Osten. Nur Vardø liegt noch weiter „rechts“ – also östlicher als St. Petersburg und Istanbul. Vardø passieren wir morgen. Kirkenes hat keine wirklich zwingenden Sehenswürdigkeiten – wer aber mehr Zeit hat und das nötige Kleingeld, sollte sich vermutlich das Schneehotel anschauen. Ich stöbere beim Frühstück auf deren Internetseite, bin fasziniert, aber auch froh, dass ich meine Nacht unter einer warmen Decke bei 20 Grad Zimmertemperatur verbracht habe. Während der Radiosender NRK Sápmi trällert, trinke ich einen letzten Kaffee und mache mich dann zu Fuß auf zum Hafen. Robert zurrt gerade sein Mountainbike auf dem Hänger fest, verabschiedet sich und winkt, als ich um die Ecke verschwinde, vorbei an der „Andersgrotta“ – einem Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Kirkenes war damals ein strategisch wichtiger und stark umkämpfter Ort. Heute ist es der nördliche Wendepunkt für die Hurtigruten-Schiffe.

Ich bin auf der „Vesterålen“ gebucht, einem der kleineren Schiffe. Sie hat am Morgen angelegt und fährt mittags wieder los. Schon als ich an der Rezeption warte, wanke ich von links nach rechts. Wie soll das bloß werden? „Der Fitnessraum ist geschlossen, weil wir haben noch drei kranke Passagiere an Bord“. Aha. Ich ahne Düsteres und erfahre später tatsächlich: Auf der Hinfahrt von Bergen nach Kirkenes ist kurzzeitig der Norovirus mitgefahren. Zehn Leute waren krank. Deshalb sollen wir uns hier alle immer schon regelmäßig die Hände desinfizieren. Nichts lieber als das!

Später lerne ich Gästebetreuer Egbert kennen. Er ist der, der „hier die Ansagen macht“. Also, wenn wir irgendwo anlegen oder an etwas Nennenswertem vorbeifahren. Am Nachmittag macht Egbert mit uns einen Spaziergang zur Festung in Vardø, die aber leider geschlossen hat. Gesehen hätten wir eine Enigma-Chiffriermaschine.

Meine Frage nach „Anti-Übelkeits-Kaugummis“ lächelt Egbert weg. „Die gibt es nur in Deutschland, bringe ich mir immer für meine Kinder mit.“ Im Bord-Café gibt es nur Tabletten gegen Seekrankheit – aber da bin ich noch zu stolz. Keine Chemie! Das haben schon Millionen Menschen vor mir überstanden… Beim nächsten Stopp kaufe ich immerhin normale Kaugummis und salzige Lakritz, außerdem verbiete ich mir vorerst das Lesen. Außerdem halte ich mich für sehr gewitzt, denn: Ich buche direkt einen Ausflug für den nächsten Tag: Frühstück am Nordkap. Da fährt man eine Etappe mit dem Bus.

Am Abend hält der Hotelmanager einen Vortrag. Er erzählt über seine Arbeit und Hurtigruten. Interessant finde ich vor allem, dass das Unternehmen in den nächsten Jahren 1.500 neue Leute einstellen will. Außerdem soll es einen Wandel geben vom Linien-Verkehr hin zu Erlebnisfahrten mit großen Kreuzfahrt-Expeditionsschiffen, die durch arktisches Eis fahren und noch mehr Touren anbieten, zum Beispiel Kajaken im Nordpolarmeer. Wäre ich nicht so see-untauglich, würde ich glatt eine Bewerbung bei Hurtigruten abgeben. Ein deutscher Gast meldet sich und nutzt die Chance zum Nörgeln. Warum denn auf dem Schiff so viele Bildschirme seien, aber nirgendwo Fernsehprogramm? Ein Stöhnen geht durch den Raum, ich schäme mich. Winnie, zusammen mit seiner Frau Roswitha mein abendlicher Tischgenosse, sagt später: „Na, was will der Mann denn? Soll er links rausgucken: 1. Programm. Rechte Seite: 2. Programm“. Wo er Recht hat…

Tag 2: Wie ein Ausflug und eine Gangway ins Wasser fallen

Mein Wecker geht um viertel vor fünf. Den Nebel und den Schneeregen sehe ich noch nicht, ich habe ja kein Fenster. Ich ziehe so viele Pullis an wie möglich plus eine dicke Thermojacke von Egbert. Der hatte mein Outfit gestern mitleidig begutachtet und mir – in  norwegischer Gentleman-Manier – seine Jacke überreicht. Da will ich nicht die frierende Heldin spielen.

Zwei Decks höher, auf der Restaurant-Ebene, ziehe ich mir erstmal einen Kaffee und bin dann auch die erste die erfährt, dass der Ausflug leider abgesagt ist. Eine Straße ist über Nacht vereist und es wäre zu gefährlich, mit dem Bus zum Nordkap zu fahren. Mich ärgert das erstaunlich wenig. 200 Euro gespart! Ich nehme mir vor, zumindest die Hälfte davon einer Naturschutzorganisation zu spenden, die sich auch um das arktische Meer kümmert. Dann schäle ich mich aus Egberts Thermojacke und vertiefe mich in ein spannendes Buch, das ich endlich lesen kann, weil der Seegang nicht mehr so stark ist. Ich schrecke erst auf, als die Küchenfee einen Beeren-Smoothie vor mir abstellt, der genauso pink ist wie mein Pulli. Ein Gruß vom Küchenchef. „He thinks you are sweet.“ Könnte daran liegen, dass ich zurzeit die Jüngste unter den 200 Gästen an Bord bin. Das Durchschnittsalter schätze ich auf Mitte 60.

Nach dem Frühstück will ich Egbert seine Jacke zurückgeben, er ist kurz angebunden. Wie ich später erfahre, verlässt er das Schiff. Seine Mutter ist plötzlich schwer erkrankt. Wie schade! Hier in Honningsvåg hält das Schiff nun schon länger als geplant. Die „Gangway“ ist ins Wasser gefallen und muss erst mühsam rausgefischt werden. Das dauert eine halbe Stunde. Für die Vesterålen ist das eine kleine Ewigkeit – sie ist immerhin ein Nutzschiff, transportiert zwar keine Post mehr aber doch Fracht, und sie hat Verträge und Termine einzuhalten. Ich habe auch schon wieder einen Termin: Essen. Meine neue Hauptbeschäftigung. Und die macht wirklich Spaß. Die Küche ist immer regional (Fisch, Fisch, Fisch, viel Kartoffeln und Gemüse), frisch, rahmig und sahnig und manchmal auch verspielt. Besser gegessen habe ich selten. Als ich am Buffet zum Nachtisch übergehe fragt ein deutscher Passagier im Brustton der Überzeugung einen erstaunten Kellner: „Watt was se graund for se delee?“ Tja, wie soll man darauf antworten. Vielleicht: „Sere was a bridsch under trabeld woter, ju understand?“

Endlich erreichen wir Hammerfest. Ab hier bleibt uns die offene See erspart und es geht ganz gemächlich durch die Fjorde. Ich habe das Gefühl, schon tagelang an Bord zu sein. Beim Mittagessen lerne ich einen norwegischen Fischer kennen, der nur für einen Tag an Bord ist, auf dem Weg nach Tromsø. Er hat lange weiße Haare und jedes dritte Wort ist „Fisch“. Er erzählt mir von Fangquoten, Fischpopulationen und dass er Fisch zwar auch selbst mag, aber ihm bei nur einem Prozent seines eigenen Fangs das Wasser im Munde zusammenläuft. Das sei dann das Beste vom Besten.

Unser Kapitän kämpft weiter mit der Verspätung, die er wieder aufholen will. Die Stopps fallen kurz aus. Als ich in Øksfjord etwas weiter vom Schiff weggehe, um ein Foto zu machen, ertönt das Schiffshorn und ich zucke vor Schreck von oben bis unten zusammen. Das Foto lasse ich lieber bleiben. Denn wer zu spät kommt, der wird eiskalt stehen gelassen. Immerhin: Wir müssen uns digital ab- und wieder anmelden. Also wenn mal einer fehlt, dann weiß man zumindest ziemlich schnell: wer.

15.30 Uhr, der Salon im hinteren Teil des Schiffs wird zum Klassenzimmer. Wir sollen lernen, Schiffsknoten zu machen. Ich sitze neben Angela. Sie ist schon seit der Hinfahrt von Bergen aus an Bord und war zeitweise durch den Norovirus flachgelegt und in Quarantäne. Wer so etwas Hochansteckendes hat, darf 72 Stunden seine Kabine nicht verlassen. Was für ein Horror! Ich kann nachfühlen, wie froh sie ist, endlich wieder auf den Beinen zu sein. Wir drehen und wenden unser Schiffstau ungeschickt um die Holzstäbe und geben schließlich auf. Das Sonnendeck ist verlockender.

Am Abend passieren wir Hamnnes, eine alte klitzekleine Handelsstadt. Auf Steuerbord-Seite taucht tatsächlich eine Art „Hafen“ auf und dort stehen eine Handvoll Einwohner mit norwegischer Fahne, Fahrrad und Dackel, um uns zu begrüßen. Niedlich. Und ein tolles Panorama – in der Abenddämmerung.

Hamnes
Hamnnes

Inzwischen betrachte ich mein fehlendes Kabinenfenster übrigens als wahren Segen. Im Mai sind die Tage am Nordpolarkreis bereits sehr lang, die Sonne geht nur für einige Stunden unter. Bei mir in der Kabine ist es dagegen auf Knopfdruck schön dunkel. Gute Nacht!

Tag 3: Besser keine schlafenden Trolle wecken

Wie schön es sich anfühlt, früh ins Bett zugehen. Da ist man um 8 Uhr richtig ausgeschlafen. Bäm! Aber ich habe des Nachts ein Highlight verpasst: Ein holländisches Pärchen erzählt mir, dass in Tromsø ein Beluga-Wahl durchs Hafenbecken geschwommen ist. Na gut, ich werde später am Tag noch Tieren begegnen. Wenn auch etwas Kleineren. Zuerst geht es aber durch die Risøyrenna – eine nur sieben Meter tiefe Fahrrinne – und später wartet der Trollefjord! Der Fjord wirkt gerade breit genug für uns und ist am Ende tatsächlich eine Sackgasse, so dass die Vesterålen auf der Stelle wenden muss. Der Legende nach leben hier Trolle, die noch mehr als tausend Jahre ihren Mittagsschlaf halten, dann erwachen und Schiffe mit Steinen bewerfen.

Trollfjord
Trollfjord

Am Abend erreichen wir Svolvær – die größte Stadt der Lofoten. Zusammen mit sechs anderen Reisenden und einem Minibus geht es zu einem Ponyhof. Ich klebe mit der Nase an der Autoscheibe. Die Kulisse wirkt wegen der Dämmerung und der Regenwolken verwunschen und geheimnisvoll. Sanfte Hügel, die sich im Wasser spiegeln, mit Moos bedeckte Steine, kleine rote und blaue Holzhäuser. Was die wohl kosten?

Mein Islandpferd heißt „Oki“ und legt einen zügigen Schritt an den Tag. Wir reiten trotzdem als Gruppe in Zeitlupe vorbei an Stockfisch-Plantagen und Ferienhäusern mit Blick auf die Bucht. Am Ende versuchen wir noch zu tölten, aber den Gang bekomme ich wieder mal nicht eingelegt. Ich werde nicht von „Oki“ sondern auch von einem Lachanfall durchgeschüttelt und mein Smartphone klatscht bäuchlings auf den Kieselboden. Immerhin töltet niemand drüber.

Tag 4:  Lebertran und Privatiers – beides gibt es wirklich

In der Nacht haben wir Bodø hinter uns gelassen und überqueren am Vormittag auch den Nordpolarkreis. Steuerbord liegt die kleine Insel Vikingen, wo ein Globus den Polarkreis markiert. Ein amerikanisches Pärchen verwechselt offenbar Back- mit Steuerbord und wartet auf der linken Seite vergeblich auf den Globus während er auf der anderen Seite an ihnen vorbeizieht. Das lasse ich mir natürlich später erzählen – hätte ich die beiden gesehen, hätte ich natürlich Bescheid gesagt. Kurz danach wird es geschäftig auf dem Außendeck. Die Crew bereitet die Polarkreis-Zeremonie vor, weil wir die Arktis verlassen. Sie bauen eine Champagner-Bar auf und rücken mit zwei grünlichen Flaschen an.

Einige Gäste raunen „Lebertran“, ich halte das für einen Scherz. Aber ein norwegisches Pärchen bestätigt: Das ist Lebertran! Sie schwören auf das Fischöl und schlucken davon jeden Tag einen Löffel, im Winter wie im Sommer. Stärkt das Herz und liefert Vitamin D. Passend dazu lugt die Sonne aus den Wolken hervor. Wir stellen uns alle brav in einer Reihe an. Serviert wird das Öl vom Kapitän Jan Jonassen höchstselbst. Wie oft er das wohl schon gemacht hat oder ist sein stoischer Blick einfach typisch seefahrerisch-norwegisch? Feierlich verabreicht er jedem eine Ration, zur Erinnerung gibt es den Hurtigruten-Löffel gleich dazu. Der Geschmack ist weich, ölig und erst im Abgang leicht fischig. Warum sich Generationen von Kindern davor geekelt haben, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Aber vielleicht hat sich die „Rezeptur“ auch verbessert – außerdem gibt es in Norwegen auch Produkte mit zum Beispiel Zitrus-Geschmack. Für das anschließende Gruppenfoto haben jedenfalls alle ihr Lächeln wiedergefunden. Mit dabei ist auch der Passagier mit dem wuscheligen Pelzkragen, der mich jetzt zum mittlerweile dritten Mal auf meine Elch-Mütze anspricht. Wo die denn zu bekommen sei und die wäre ja bestimmt was für seine Tochter. Als ich ihm die Mütze schließlich einfach schenke, ist er dann doch etwas perplex. Wolfgang war mal Journalist und ist jetzt, nach einer Erbschaft und mit geschätzten Anfang/Mitte 50: Privatier! Der erste den ich in meinem Leben treffe. Es gibt sie also. Wolfgang macht jetzt was Spaß macht – unter anderem eben reisen.

Beim Mittagessen gerate ich an einen lustigen Tisch. Um mich gruppieren sich die zwei Amerikaner mit der Rechts-Links-Schwäche und zwei Damen aus Australien. Wir rätseln gemeinsam, wie man denn nun norwegische Städtenamen wie Bodø und Tromsø ausspricht. Auch das norwegische Englisch klingt für die Muttersprachler offenbar gewöhnungsbedürftig. Die Tour zu den „sea eagles“ (Seeadlern) haben die Amis nicht gebucht, weil sie verstanden haben, dass es „sea gulls“ (Möwen) zu sehen gibt. Langeweile kommt bei den beiden trotzdem nicht auf – sie haben einen Navigationskurs beim Kapitän gebucht und müssen los. Am Nachmittag passieren wir die jeweils etwa 1.000 Meter hohen Sieben Schwestern. Der Sage nach handelt es sich um sieben nackte Frauen, die am Fjord tanzten, dann vor einem Mann flohen und schließlich bei Sonnenaufgang zu Stein wurden. Wilde Story. Ein Beschützer der fliehenden Damen wollte sie per Pfeil und Bogen retten, da warf aber jemand seinen Hut dazwischen und so kam es zum Torghatten, einem kleinen Fels mit Loch, den wir rechte Hand sehen. Hier in der Nähe wurde eines von weltweit nur zehn Skeletten eines „Riesenalks“ gefunden – eines ausgestorbenen pinguinartigen Seevogels. Diese Landschaft ist wie gemacht für Märchen und Legenden.

Tag 5: Kostenlos in die Kathedrale

Wir wachen in Trondheim auf. Zwei Stunden Landgang! Das ist Rekord. Sonst sind es oft nur 15 oder 30 Minuten – zu wenig, um gemütlich von den Häfen aus bis in den Ortskern zu laufen und herumzuschleichen, um Fotos zu machen. Angela und ich marschieren zusammen los. Die Sonne scheint und vor dem blauen Himmel sehen die bunten Häuschen aus wie gemalt. Die Stadt schläft, es ist früher Sonntagmorgen und wir hangeln uns durch die Gassen bis zum gotischen Nidarosdom aus dem 12. Jahrhundert.

Eigentlich ist er an Sonntagen bis zum Mittag geschlossen, aber wir haben Glück. Eine Besuchergruppe der Hurtigruten hat eine Stadt-Tour inklusive Dom gebucht und am Eingang kontrolliert niemand – also schlüpfen auch wir ganz kostenlos hinein. Es lohnt sich. Hier wurden früher Könige gekrönt und begraben, die Kirche hat drei Orgeln und die Westfassade ist beeindruckend, genauso wie das Farbfenster an der gleichen Seite innen. Genutzt wird der Dom von der lutherischen Gemeinde.

Die zwei Stunden verfliegen schnell, wir sehen noch einen Trabi und eine Troll-Figur, der Marktplatz ist leider gerade eine Baustelle. Zurück im Hafen haben wir gerade noch Zeit, einen Blick in das größere Hurtigruten-Schiff zu werfen, das neben uns im Hafen liegt. Ein moderner Klotz, mit großer Panorama-Bar in der Nähe der Kommandobrücke und Whirpools an Deck. Auch nicht schlecht – aber ich lobe mir doch die etwas heimeligere Atmosphäre der Vesterålen mit ihren geschundenen Sitzgruppen in der Vesterål-Stuen und dem Trollfjord Salon und den altmodischen Vorhängen (hier geht es zum Deckplan). Es hat nicht nur optisch etwas von einer mehrtägigen Familienfeier bei Oma: Ständig steht hervorragendes Essen auf dem Tisch und man bewegt sich wenig. Deshalb war der Trondheim-Spaziergang für mich eine Wohltat – ich leide an Bewegungsmangel. Da bin ich nicht die einzige. Ein junges Pärchen aus Mainz stromert auch täglich am Fitnessraum vorbei, um zu schauen ob der Zettel noch hängt, der behauptet, dass der Raum leider wegen eines „Lecks“ geschlossen sei.

Vorbei geht es an Munkholmen Richtung Kristiansund – eine Stadt auf mehreren Inseln, die durch Brücken miteinander verbunden sind. Die Überquerung der offenen Seestrecke danach bleibt – glücklicherweise – extrem ruhig. Wir sitzen dick eingepackt an Deck und lesen, nach dem Abendessen trinken wir einen Abschiedstee. Plötzlich taucht auch Wolfgang wieder auf der Bildfläche auf – aber nur, um mir ein Geschenk zu überreichen, ein Hurtigruten-Buch aus dem Bord-Shop. Als Dankeschön für die Mütze. Ich freue mich, denke aber auch: Schon seltsam, dass wir Menschen oft Geschenke oder Komplimente nicht einfach annehmen können ohne „aufzurechnen“, ohne uns verpflichtet zu fühlen, das wieder „auszugleichen“. Draußen ziehen am Abend noch einmal Gemälde-Motive an uns vorbei: Moosgrüne kleine Inseln und Hügel, im Hintergrund mit Schnee bedeckte alpine Klötze, der Himmel nimmt die Farbe unseres Essens an: ein sanftes Lachsrot.

Tag 6: Einlauf und Auslauf in Bergen

Nach einer schaukeligen Nacht steht heute alles im Zeichen von Abreise. Wir müssen bis 10 Uhr die Zimmer räumen und unser Gepäck, ähnlich wie am Flughafen, zentral „einchecken“ um es später im Hafenterminal vom Gepäckband zu holen. Ansonsten gäbe es „Stau“ in der Gangway. Wir genießen unsere Henkersmahlzeit, verabschieden uns und stehen schließlich an Deck als die Vesterålen bei der Ankunft in Bergen mit einem ohrenbetäubenden Tuten auf sich aufmerksam macht.

Hallo Bergen, wir kommen!

Wir werfen unsere „All Inclusive Bordkarten“ in eine Box und jetzt ist es endgültig vorbei – das Rundum-Sorglos-Paket.

Fazit: Meine erste Schiffsreise war für mich ein Abenteuer, weil ich nicht wusste, wie mein Körper reagiert. Resultat: Ziemlich entspannt. Von wirklich rauer See und Viren bin ich glücklicherweise verschont geblieben – mir haben dazu aber auch die Geschichten der anderen gereicht. Mal abgesehen von zwei, drei jungen Pärchen oder Alleinreisenden wie Angela, Wolfgang und mir ist das Publikum eher weißhaarig. Ich mag ja diese geballte Lebenserfahrung im Raum, diesen trockenen, altersweisen Humor der Deutschen oder der Briten. Wer dagegen organisierte Animation braucht, der sollte vielleicht besser nicht mit Hurtigruten fahren. Die norwegische Küste vom Schiff aus an mir vorüberziehen zu lassen, war ein meditatives Erlebnis, aber auch ein „Appetizer“. Landschaften wie die Lofoten möchte ich gerne nochmal auf eigene Faust mit dem Auto erkunden. Der Mai war wärmer als gedacht, allerdings auch unbeständig. Im Sommer ist das Wetter vermutlich stabiler und dann wird auch der Geirangerfjord angesteuert. Ich habe jetzt ziemlich genau einen Tausender bezahlt, inklusive Innenkabine und Vollverpflegung aber ohne Anreise und Ausflüge. Im Sommer gibt es zumindest auf den kleineren Schiffen für Einzelreisende immer mal wieder ähnliche Angebote.

Meine Beine sind aufgeregt. Sie wollen laufen laufen laufen. Ich schnalle mir meine sieben Kilo auf den Rücken, umarme Angela und bin weg. Endlich wieder festen Boden unter den Füßen und vor allem: Auslauf! Ich habe drei Stunden Zeit, bis ich zum Flughafen-Bus muss. Ich gehe direkt zur Fløibahn, die mich über die Dächer von Bergen bringt. Der Himmel ist zwar eher grau, aber der Blick trotzdem beeindruckend – ich sehe sogar die Vesterålen wie einen kleinen rot-weißen Punkt.

Hätte ich mehr Zeit, würde ich eine kleine Wanderung machen, denn hier oben gibt es ein Wegenetz durch den Wald. Ich schaffe es nur bis zu einem kleinen See und kehre um, wieder vorbei an den freilaufenden Ziegen. Sie tragen einen GPS-Sender und bekommen Stromschläge, wenn sie zu weit weg grasen. Anstatt Zaun also eine Art Fußfessel für Ziegen. Die armen Dinger. Ich mache noch einen Abstecher zum Hanseviertel Bryggen. Dort treffe ich tatsächlich die zwei Ladies aus Australien wieder, die mit mir auf dem Schiff waren. Eigentlich wollte ich – wie üblich – noch nach Second Hand Shops Ausschau halten, aber dafür reicht die Zeit nicht. Im Rucksack ist sowieso kein Platz mehr und ein Souvenir muss reichen: Der Lebertran-Löffel mit dem Hurtigruten-„H“.

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