Panorama am höchsten Punkt der Tour
Alpen,  Blog

Alpen-Überquerung auf dem Fernwanderweg E5: 7 Tage, 6 Täler, 3 Länder

„Ich steh auf Gleis 7. Wo bist Du?“ rufe ich ins Telefon. Papa zögert. „Ja ich auch! Aber der Zug fährt grad ab.“ Ich glaube zu träumen. „Das kann nicht sein Papa, ich seh ihn ja vor mir stehen. In zwei Minuten ist Abfahrt.“

Ich wusste, dass die Reise mit meinem Vater – die erste gemeinsame seit etwa 20 Jahren – ein Abenteuer werden würde. Dass es schon am Sonntagmorgen um 8.30 Uhr in Köln beginnt, hatte ich nicht erwartet. Unser Dialog wird hektisch, Papa liest mir ein Schild vor und langsam wird mir klar: Er steht tatsächlich in Köln-Deutz. Unser Eurocity vom Hauptbahnhof ist inzwischen weg. Ich schalte um in Befehlsmodus. „Papa, geh raus, nimm ein Taxi. Und meld dich wieder.“

Papa und ich am Bahnhof Oy-Mittelberg
Angekommen am „Hauptbahnhof“ Oy-Mittelberg

Etwa 20 Minuten später umarmen wir uns. Inzwischen auf Gleis 8, am richtigen Bahnhof, wo die nächste Verbindung nach Kempten abfährt. Und wir lachen. Papa lobt die pittoreske Aussicht auf der Autofahrt über die Deutzer Brücke. Wenn alles klappt sind wir eine Stunde später im Allgäu als geplant. Es wird nicht alles klappen. Ein ICE fährt uns in Frankfurt vor der Nase weg. Papa zetert, ich versuche mit einem milden Lächeln gegenzuhalten.

Um 18 Uhr erreichen wir schließlich Oy-Mittelberg und werden in unser erstes Quartier gefahren: den Gasthof Krone. Im Nachbargasthof Rose treffen wir uns zu einem Kennenlern-Abendessen mit unserer Wandergruppe. Unser Wanderführer Jochen lässt sich entschuldigen, weil er im Stau steht. Sowas gibt es im Allgäu also auch. Nach einer Vorstellungsrunde (die meisten haben durch eine WDR-Doku vom E5 erfahren) bekommen wir die ersten Informationen von Hagen Alpin Tours und, wer möchte, auch einen knallroten Regenschirm. Für 30 Euro. Von 13 Leuten kauft einer. Ich möchte es mir gar nicht so bequem machen und verlasse mich erstmal auf den Wettergott.

Wandertag 1 – Von Oberstdorf ins Lechtal
Wandertag 2 – Aug in Aug mit dem Falschen Kogel
Wandertag 3 – Vom Venet ins Pitztal
Wandertag 4 – Im Reich der Ötztaler Eisriesen
Wandertag 5 – Übers Timmelsjoch nach Platt
Wandertag 6 – Durch die Passerschlucht nach Meran
Tipps zu Ausrüstung, Fitness, Reisezeit und Kosten

Wandertag 1 – Von Oberstdorf ins Lechtal

Am nächsten Morgen bringt uns ein Bus nach Oberstdorf. Gleich die erste Etappe hat es in sich. Von der Spielmannsau auf bereits 1071 Metern geht es durch den wilden Sperrbachtobel rauf zur Kemptner Hütte auf 1844 Meter. Mein Vater läuft wie aufgedreht an der Spitze der Gruppe, oft schon minutenlang voraus. Mehrere meiner Aufrufe, sich zu bremsen, verhallen. Da hilft nur eine Frühstückspause.

Wir sammeln uns an einer kleinen Kapelle. Die Luft ist feucht, der Wind frisch sobald man anhält. Weil ich schnell schwitze, fröstele ich sofort, habe aber keine Lust auf eine Umzieh-Aktion. Nach einem Kraftriegel geht es weiter. Vorbei an Gebirgsbächen, sanften Hügeln, über Brücken und Steine, ab und zu linst die Sonne aus den Wolken. Dann bekommt das Klima einen fast tropischen Touch. Wir erreichen die Kemptner Hütte inmitten von steilen Grasflanken – und müssen zuerst mal die Schuhe ausziehen. Das gehört sich hier so. Jetzt ist auch Zeit zum Umziehen.

Hier ist Schuh-freie Zone

In meinem Rucksack ist längst das Chaos ausgebrochen. Schweißnasse T-Shirts machen es nicht übersichtlicher. Wir lassen uns die Hausmannskost schmecken und brechen nach einer Stunde auf Richtung Mädelejoch (1974 Meter). Wir überqueren die deutsch-österreichische Grenze und genießen den Blick auf die Lechtaler Alpen. „In zehn Minuten regnet’s“, sagt Jochen, „bereitet euch vor“. Ich habe keinen Regenüberzug für meinen Rücksack und für Regencape oder Regenjacke bin ich noch zu faul. Ich warte. 500 Meter später regnet es tatsächlich, wenn auch in Maßen. Ich packe das Cape aus – Papa hatte eines zusätzlich dabei für die chaotische Tochter – und feiere innerlich, wie praktisch es ist. Quasi Jacke und Rucksackschutz in einem. Dass es mir manchmal die Sicht auf die eigenen Füße versperrt, kann ich verschmerzen.

Aufbruch von der Kemptner Hütte
Wir lassen die Kemptner Hütte hinter uns und gehen dem Regen entgegen…

Mittlerweile sind wir schon beim Abstieg, über die Roßgumpenalm und durch das Höhenbachtal nach Holzgau im Lechtal. Kurz vor Schluss teilt sich die Gruppe nochmal, denn: Papa, Klaus und ich wollen über die bekannte Hängebrücke gehen – die höchste und längste für Fußgänger in Österreich. Für mich eine Mutprobe – denn obwohl nur noch zwei andere Wanderer mit uns auf der Brücke sind, schwingt sie für meinen Geschmack etwas zu freudig hin und her. Unter meinen Füßen nur ein Gitter, das den Blick auf die Schlucht 100 Meter unter mir erbarmungslos frei lässt. Ich gehe wie auf Eiern und beschleunige nach dem ersten Drittel der 200 Meter deutlich. Das Smartphone packe ich gar nicht erst aus, ich will nur noch rüber. Im Tal treffen wir die anderen zehn und Jochen wieder – es geht in unser Nachtquartier, den Gasthof „Zur Gemütlichkeit“ in Bschlabs. Vorbei an einem ausgestopften Murmeltier krieche ich nach dem Essen aufs Zimmer und falle um 21 Uhr todmüde ins Bett – als erste und als jüngste. Papa ist von Jochen inzwischen „Alterspräsident“ getauft worden.

Wandertag 2 – Aug in Aug mit dem Falschen Kogel

Vom Bergdorf Bschlabs geht es heute durch das Plötzigtal zur Anhalterhütte. Ich habe erstaunlich wenig Muskelkater auch wenn sich der erste Tag noch etwas in den Gliedern bemerkbar macht. Trotz regnerischer Wettervorhersage haben wir Glück. Es ist zwar neblig und eher kühl, aber nach dem ersten sehr steilen Anstieg kommt immer mal wieder kurz die Sonne raus. Ich mache Fotos vom Morgentau und staune über eine braune Schlammlawine im Bergmassiv gegenüber. Jochen berichtigt: Es handelt sich um alten Schnee. Weiter geht es durch ein wunderschönes, fruchtbares Tal, über Wiesen und feuchte Baumwurzeln und vorbei an einem breiten Fluss bis wir auf eine Alm kommen. Dort grüßen wir Kühe und Pferde, machen einen Slalom um die Kuhfladen und sehen schon recht bald unser Ziel.

Die Hütte scheint so nah, doch es dauert noch mehr als zwei Stunden bis wir es geschafft haben. Auch hier haben wir nicht mehr als eine Stunde Zeit – zumindest diejenigen, die mit Jochen noch einen besonderen Aufstieg wagen wollen: auf den Falschen Kogel. Papa entscheidet sich stattdessen für eine längere Pause und so machen wir uns als Kleingruppe auf den Weg. Der Anstieg bringt mich wieder ins Pusten, aber das ist nicht das Problem. Die Wege werden schmaler und schmaler. Wir verlieren recht bald Jutta und Britta, auch für Klaus ist an einer Biege Schluss. Bleiben Manuel, Jochen und ich. Ich lasse meine Teleskopstöcke zurück – jetzt werden Hände gebraucht.

Ich staune über meinen Mut, der mich allerdings in einer Linkskurve verlässt. Rechts geht es gnadenlos bergab. Ich habe bereits beide Hände an den Felsen, meine Knie fangen an zu schlottern und schließlich auch die Arme. Endstation. „Noch zehn Minuten“, sagt Jochen. Aber das überzeugt mein Herz nicht. Es rast. Nichts zu machen. Kopfkino. Ich sehe mich abrutschen und gebe kleinlaut auf, kraxele zurück zu Klaus, der es sich auf der Strecke mit Blick Richtung Tal bequem gemacht hat. Wir machen ein „Loser-Foto“ und lassen Manuel den Gipfel-Triumph. Ich ärgere mich nur kurz und bin irgendwann etwas stolz, dass ich meine Grenze akzeptiere. Der Ausblick ist auch eine Etage tiefer berauschend. Wir plauschen und warten bis Jochen und Manuel wieder runter kommen. Am Gipfelkreuz weiter unten stehen schon die anderen aus der Gruppe und wir steigen ab zum Hahnentennjoch. Was für ein schöner Tag! „Nur die letzten zehn Minuten haben gefehlt“, sagt Jochen zu mir. Er scheint enttäuschter als ich, dass ich vorm Falschen Kogel in die Knie gegangen bin. Sei es drum. Ein Mini-Bus fährt uns nach Zams, zur Venetbahn. Wir quetschen uns in die volle Gondel, Schweißgerüche von allen Seiten steigen mir in die Nase. Aber wie angenehm: Zur Abwechslung habe ich mal keine Skier in der Hand. Wir fahren bei mittlerweile aufgeklartem Himmel zur Venethütte, unserem komfortablen Nachtquartier. Die riesigen Fenster in unseren Zimmern geben den Blick frei auf die Berge. Ich mache noch einen kurzen Spaziergang im Abendlicht, beim Abendessen gibt es als Beilage einen ungetrübten Sonnenuntergang. Wieder falle ich früh ins Bett.

Verweilen auf dem Venetgipfel

Wandertag 3 – Vom Venet ins Pitztal

Der Wecker geht um 6.30 Uhr. Eigentlich wollte ich ganz yogisch Sonnengrüße machen vor dem betörenden Ausblick, aber meine Erkältung nimmt Fahrt auf. Ich breche ab. Nach dem Frühstück geht es entlang des Grates über den Gipfel des Venet. Dort wartet ein Gipfelkreuz und ein Rundumblick. Nach einer kurzen Rast bewältigen wir die allerletzten Meter bergauf zu einem weiteren Kreuz und dann beginnt schon der Abstieg.

Heute sind es mehr als 1500 Meter bergab. „Den Fuß immer gerade zum Tal ausrichten“, sagt Jochen, „nicht seitwärts!“. Wenn man das Prinzip einmal probiert, fasst man Schritt für Schritt mehr Vertrauen. Es funktioniert. Mein Vater ist gut unterwegs – doch plötzlich rumpelt es schräg hinter mir. Er muss gestolpert sein, ich sehe ihn nur noch purzeln und zwei – recht gekonnte – Überschläge über kleine Büsche und Steine machen. Ein Schockmoment. Aber alles scheint gut, der Rucksack hat seinen Rücken gepolstert. „Nicht schummeln, Berthold“, sagt Frank, „und uns rollend überholen.“ Papa lacht. Es geht weiter.

Papa und ich gehen bergab
Schuh mit Kabelbinder

Bisher hält mein operiertes Knie. Was man von meinen Schuhen nicht behaupten kann. Nach einer Stunde Richtung Tal und durch Matsch löst sich die rechte Sohle. Ich kann nicht mehr auftreten – außer ich hebe mein Bein auf Hüfthöhe mit Schwung hoch. Tja, da haben meine teuren Treter wohl doch zu lange unbenutzt zuhause gestanden, in den letzten acht Jahren. Papa hat eine Idee – und Kabelbinder und eine Zange dabei.

Er zieht den Kabelbinder durch das Sohlen-Profil und die erste Schlaufe der Schnürsenkel – repariert! Ich staune. Was hätte ich jetzt ohne ihn gemacht?„Bei der nächsten Hütte hauen wir da zwei Schrauben durch“, meint Jochen. Ich bin skeptisch und gewöhne mich an die Kabelbinder-Variante. Ersatzschuhe hatte ich zwar eingepackt, aber sie sind in unserem nächsten Gasthof im Tal und eigentlich auch nicht zum Wandern sondern zum Joggen gemacht.

Schmidt und Schröder machen ein Nickerchen

Auf der Larcher Alm auf 1814 Metern lassen wir den Vormittag bei einem alkoholfreien Weizen Revue passieren und genießen die warmen Sonnenstrahlen. Endlich mal an die 20 Grad! Wir ruhen uns aus und beobachten die zwei Hängebauchschweine der Hütte: Schmidt und Schröder. Sie legen offenbar Wert auf das „Sie“. Nach anderthalb Stunden heißt es: auf nach Wenns ins Pitztal. Dort wartet eine Jause auf uns. Und ein Sportgeschäft. Soll ich neue Schuhe shoppen oder meinen Laufschuhen eine Chance geben? Morgen steht die anspruchsvollste Route an, auf fast 3000 Meter Höhe. Ich entscheide mich für die Variante Risiko. Unser Gasthof „Weirather Hof“ ist rustikal und urgemütlich. Ich trete auf den Balkon und eine Kuh von der Weide nebenan grüßt freundlich. Ich grüße höflich zurück.

Wandertag 4 – Im Reich der Ötztaler Eisriesen

Am nächsten Morgen geht es mit dem Bus nach Mittelberg im Pitztal. Es erwartet uns ein steiler Anstieg durch eine wilde Felslandschaft. Heute werden wir dem Pitztal-Gletscher und dem ewigen Schnee „Guten Tag“ sagen. Das Ziel für die Mittagsrast ist die Braunschweiger Hütte auf 2760 Metern. Gehzeit: Gut und gerne drei Stunden. Nur bergauf. Ich muss mit meinen Kräften haushalten, weil meine Erkältung hat es sich in meinem Kopf und meinen Lungen bequem gemacht. Ich beherzige Juttas Ratschlag: Immer schön langsam und anhalten, wenn das Herz rast. Der Weg startet gemächlich, zeigt aber bald, dass er es uns nicht zu einfach machen will. Wir hangeln uns über die ersten schmalen Stellen – Drahtseile im Berg leiten uns den Weg. Und Jochen. Er hat alle Teilnehmer im Blick auch wenn es manchmal nicht so scheint. Zwischendurch raunt er mir zu: „Brems deinen Vater mal unauffällig aus – der schnauft!“ Nichts lieber als das. Ich schnaufe mit. Einige Passagen sind für mich als latent höhengeängstigt aufregend. Aber machbar. Durch meine Laufschuhe ohne rutschfeste Sohle bin ich besonders konzentriert, meine Knöchel sind gut aufgewärmt und der Boden glücklicherweise nicht allzu nass. Schon bald sehen wir erste Ausläufer des Gletschers, die Sonne gibt alles. Was für ein schöner Anblick. „Da kommen noch bessere“, sagt Jochen. Wir machen trotzdem alle Fotos.

Endlich sehen wir die Hütte. Es trennen uns nur noch ein paar widerspenstige Felsen von Gulaschsuppe und Skiwasser. Oben angekommen geben mein Vater und ich uns ein High Five und umarmen uns. Wir haben es geschafft!

Löst der Selfie-Stick schon aus? Erschöpft aber glücklich an der Braunschweiger Hütte

Das Panorama könnte besser nicht sein. Obwohl – doch. Jochen erklärt, dass der Gletscher vor einigen Jahren noch deutlich tiefer Richtung Hütte hinab erhalten war. Jetzt hat er sich zurückgezogen. Nach einer Stunde Pause und dem obligatorischen Umziehen schnallen wir die Rucksäcke wieder auf. Wir wollen zum höchsten Punkt der gesamten Tour: dem Pitztaler Jöchl auf 2996 Metern. Die Hälfte der Gruppe macht noch einen kleinen Schlenker – ich bin dagegen dankbar, dass wir ganz oben nochmal rasten können.

Der höchste Punkt der Tour – nur 4 Meter trennen uns von der 3000er-Marke

Der Blick ist herrlich: die Ötztaler und Stubaier Alpen, rechts die Senke zur Braunschweiger Hütte, links die Ausläufer des Weltcup-Skigebiets von Sölden. Jetzt, so ohne Schnee, hat es etwas Befremdliches. Bagger fahren umher, ein Lift dreht mit leeren Gondeln seine Runden über den Hang mit den gelben Schneekanonen. Der Abstieg zur Gletscherbahn erfordert noch ein letztes Aufbäumen: Wir müssen über viele Steine kraxeln, in einige sind Tritthilfen montiert. Unten erwartet uns die gespenstische Gletscherbahn. Ich war hier früher Mal Skifahren, kaum vorstellbar. Kaum vorstellbar, dass ich hier noch einmal hin möchte, um mit Skiern den Berg zu zerfurchen. Der Gletscher kann sich bestimmt auch besseres vorstellen als Skitourismus. Nachdenklich setze ich mich in unseren Transfer. Der Van bringt uns auf die Terrasse zum Hotel „Zur neuen Post“ in Zwieselstein und zum wohlverdienten Weizen.

Wandertag 5 – Übers Timmelsjoch nach Platt

Nebel hängt über dem Tal, leichter Nieselregen zieht auf. Wir starten diesmal direkt vom Hotel und machen uns auf zum Timmelsjoch in 2474 Metern Höhe. Der Anstieg ist moderat. Schon bald erreichen wir eine Weide und werden argwöhnisch von einer Clique Kühen betrachtet. „Die sind nur neugierig“, sagt Jochen. Ich mache trotzdem einen eher größeren Bogen um die bimmelnden Freunde und konzentriere mich auf die Fotografie. Frühstückspause.

Die Luft ist feucht und eine Wohltat für meine Bronchien. Nur die Kälte frisst sich durch meine Funktionskleidung. Vorbei an Bächen und saftigen Wiesen geht es zur Timmelsbrücke. Die letzten Höhenmeter machen wir – ganz unromantisch – mit einem Taxi. Mir soll es Recht sein. Ich friere und sehne mich nach einem Tee. Den gibt es im Gipfel-Restaurant am höchsten Punkt des Passes – sehen tun wir: nichts. Die Wolken hängen tief. 

Etwas aufgewärmt machen wir uns auf den Weg durch schroffe Felsen ins nach Südtirol, Italien, vorbei an einem zerstörten Häuschen, das – so lerne ich von Jochen – schon seit dem 1. Weltkrieg verlassen vor sich hin rottet. Was für eine Verschwendung! Der Blick ins Tal ist phänomenal, hier könnte man doch ein Hostel eröffnen. Warum hat das noch keiner ausprobiert? Es geht eine ganze Weile bergab. Uns begegnen nur wenige Wanderer, dafür umso mehr Ziegen. Apropos Ziege: Eine Stunde später haben wir genau das auf dem Teller. Der Gastwirt im „Hochfirst“ kredenzt uns einen Braten vom Feinsten: jungen Ziegenbock, dazu Semmel-Schinkenknödel. Als Nachtisch gibt es einen Gruppen-Kaiserschmarrn mit Preiselbeeren und einen Verdauungsschnaps.

Tiroler Cola mit Wortspiel auf dem Etikett

Inzwischen hat sich auch die Sonne am Himmel eingerichtet und – mit vollen Bäuchen – entscheiden wir uns für einen Schlenker auf dem Nachhauseweg, um das Wetter noch etwas auszukosten. Wir nehmen die Passtrasse durch blühende Almwiesen. Als wollte mir das Schicksal sagen: „Ich seh dich“, finde ich zufällig Kabelbinder auf dem Weg. Kann man ja immer mal brauchen, habe ich gelernt. Das Fundstück kommt als Souvenir in meinen Rucksack.

Wir verlaufen uns. Aus den angekündigten zwei Stunden werden wohl drei – immerhin auf gerade Strecke. Unterwegs pokern wir, stoppen in der Nähe einer Bushaltestelle und hoffen auf einen Bus nach Moos. Doch der kommt nicht. Nach 20 Minuten Warten gehen wir weiter. Passenderweise heißt unser Ziel heute: Platt im Passeiertal. Wir nehmen einen Linienbus und treffen schließlich direkt vor der Tür des Gasthofes ein: Dem „Platterwirt“. Dort erwartet uns wieder ein Vier-Gänge-Menü – inklusive Schlutzkrapfen und Forelle. Danach sind wir einfach nur voll, mit Essen und Eindrücken.

Wandertag 6 – Durch die Passerschlucht nach Meran

Am letzten Tag unserer Reise haben wir nochmal die Wahl: Steil bergan zur Hirzer Alm oder locker auslaufen in der Passerschlucht. Mein Vater und ich wählen die gemütliche Variante, die sich landschaftlich abhebt von allem, was wir bisher gesehen haben. Der Weg schlängelt sich auf Höhe der Passer, die zurzeit eher wenig Wasser führt. Wir überwinden Brücken und Treppen, gegenüber sehen wir den Stuller Wasserfall.

Endlich erhitzt die Sonne die Luft auf mediterrane Temperatur. In leichtem auf und ab geht es weiter nach St. Leonhard – und von dort mit dem Bus zu unserem Zieleinlauf in Meran im Etschtal. Wir plumpsen aus dem Bus auf den Sissiweg. Das Schloss Trauttmannsdorf sparen wir uns, stattdessen flanieren wir mit unseren Stöcken in der Hand und etwas „underdressed“ über den Boulevard von Meran, vorbei an Eiscafés und Latte-Macchiato-Urlaubern, Richtung Hotel „Europa Splendid“. Das wirkt wie aus der Zeit gefallen, im schönsten Jugendstil. Ich fühle mich schon seit der Ankunft wie in einem Rosamunde-Pilcher-Film.

Es ist noch früh am Nachmittag – genug Zeit, den Kurort zu erkunden. Hier kann man offenbar besonders gut Wein trinken und Shoppen. Ich lasse mich treiben und lande zufällig vor einem antiquierten Sessellift, der hoch fährt zum Dorf Tirol. Ich falle etwas unsanft in die orangefarbene Sitzschale und lasse während der Fahrt über die Weinberge Beine und Seele baumeln. Oben angekommen bleibe ich dem Motto des Tages treu: größere Anstrengungen vermeiden. Im Hotel „Panorama“ mache ich Station, lese und schaue in der Gegend rum bevor ich am späten Nachmittag die Rückfahrt antrete. Die Weinprobe und Häppchen Südtiroler Feinkost warten! Da ich beschlossen habe, meine Wanderschuhe dem Meraner Müllsystem zu überlassen, ist auch wieder Platz im Gepäck. Wie praktisch.

Zurück ins Allgäu und ein bisschen Wellness

Die Woche ist wie im Flug vergangen und der Abschied unvermeidlich. Jochen hat uns am Abend vorher feierlich unsere Wanderurkunden überreicht – für Papa als Wander-Oldie gab es besonders viel Applaus. Ich bekomme den Titel als Schuh-Chaotin. Meine Jogging-Treter sind inzwischen am Fußspann gerissen, immerhin meine Flip Flops sind noch unversehrt. Wir stapeln uns und unser Gepäck in einen ziemlich kleinen Bus und fahren durch das Vinschgau zurück. Die Apfelgärten am Straßenrand ziehen an uns vorbei, ich möchte am liebsten rausspringen und pflücken. Über den Reschenpass geht es schließlich zu unserem Ausgangspunkt: Oy-Mittelberg.

Papa und ich haben die Rückreise nach Nordrhein-Westfalen auf den nächsten Tag gelegt – uns bleibt noch ein wenig Zeit im Vitalhotel „Mittelburg„. Wir entspannen beim Schwimmen und Saunieren – die Massage-Therapeutin hat sonntags leider frei. Es sei ihr gegönnt. Abends lassen wir uns noch einmal üppig bekochen und die Woche sacken. Endlich haben wir noch einmal Zeit über uns zu reden – nicht nur über widerspenstige Teleskop-Stöcke, wechselhaftes Wetter und das Geh-Tempo. Warum fällt das oft so schwer, warum machen wir das so selten? Vielleicht braucht es manchmal einen E5, um sich für ein paar wirklich wichtige Fragen frei zu laufen.

Welche Ausrüstung brauche ich für den E5?

Die Liste von Hagen Alpin Tours war lang. Ich als Minimalist sträube mich in der Regel gegen zu viel Kram, habe mich aber weitestgehend an die Pack-Vorschläge gehalten. Hier die wichtigsten:

  • Tagesrucksack mit ca. 30 Litern, am besten mit Regenhülle, sollte nicht mehr wiegen als 8-10 Kilo
  • Bergschuhe mit griffiger Profilsohle (am besten Vibram), die gut eingelaufen sind, müssen nicht unbedingt knöchelhoch sein
  • Wandersocken – 2 Paar reichen
  • Eine kurze und eine lange Hose zum Wandern. Ich war mit meiner Variante sehr zufrieden: Funktionsleggings und darüber eine kurze Sporthose mit Taschen
  • Fleecejacke oder -weste
  • Regenjacke oder Regencape, letzteres hat den Vorteil dass ich mir eine separate Regenhose und eine separate Regenhose für den Rucksack sparen kann
  • Atmungsaktive und schnell trocknende T-Shirts und Tops, 2 Sets pro Tag
  • Mütze (am besten eine leichte, die auch als Sonnenschutz herhalten kann), Handschuhe und Halstuch
  • Trinkflasche und Müsli-/Eiweiß-/Kraftriegel
  • Pflaster, Desinfektion und Tape. Ich hatte nur Blasenpflaster dabei – das ist vielleicht etwas zu wenig (vor allem, falls man alleine wandert)
  • Wanderstöcke: Mir haben sie sowohl bergauf als auch bergab gute Dienste geleistet – eher als psychologische Hilfe. Man kann die Tour aber ohne Probleme ohne Stöcke bewältigen
  • Reserveschuhe: Sollten die Wanderschuhe noch recht neu oder – wie bei mir – recht alt sein, empfiehlt es sich, Notfallschuhe dabei zu haben, mit denen man die Wanderung zu Ende machen kann

Wanderschuhe stehen vor einem Kuhfladen
„Eine Bergwiese, voll von schönen Blumen und von Kuhfladen. Glück oder Unglück ist nur die Frage, was man mehr anschaut.“
― Philip Rosenthal

Was ist die beste Reisezeit für den E5?

Wir hatten die erste Septemberwoche gewählt – mir war es da fast schon ein wenig zu frisch. Aber das Wärmeempfinden ist ja bei jedem anders. Vorteil, wenn man außerhalb der Ferien reist: Uns sind gar nicht so viele Wanderer begegnet. Wir hatten also nicht das Gefühl, auf einem überfüllten „Highway“ unterwegs zu sein. Der E5 ist sicher von Mitte Juni bis Mitte September am besten zu meistern. Außerhalb dieser Hauptsaison ist mit Schnee und noch mehr Nebel zu rechnen – einige Streckenabschnitte und Markierungen kann man dann vielleicht nicht mehr richtig sehen. Gerade im August bzw. in den Ferien sollte man die Unterkünfte im Voraus buchen – besonders, wenn man auf den Hütten übernachten will.

Wie fit muss ich für den E5 sein?

Hey, mein (sportlicher) Papa ist 75 und er hat es mit einigen Vorbereitungs-Wanderungen im Teutoburger Wald geschafft. Ich habe für den Trip nicht trainiert und darauf gesetzt, dass ich eine gewisse Grundfitness mitbringe. Die reicht völlig aus – zumal, wenn man, wie wir, die Komfort-Variante wählt mit Gepäcktransport und kleinen Transfers. Man sollte aber schon bereit sein, täglich zwischen 4 bis 6 Stunden auf den Beinen zu sein. Wann genau man als „trittsicher“ gilt, ist mir bis heute nicht ganz klar, aber: Die stundenlangen Wanderungen erfordern Konzentration. Sie sind manchmal wie ein Puzzle: Wo setze ich den nächsten Schritt hin? Auch wenn Jochen als Profi sagt: Du solltest in der Lage sein, beim Gehen immer auf den Hinterkopf deines Vordermanns zu schauen – nicht auf die Füße. Die Höhe unserer Tour war mit maximal knapp 3000 Metern human – man sollte es aber verkraften können, dass Pfade links und rechts auch mal steil bergab gehen. Wichtig sind kleine Pausen und sich nicht gleich am Anfang zu verausgaben oder von anderen hetzen zu lassen. Muskelkater hatte ich gar keinen, die viele frische Luft wirkt betörend und der Körper gewöhnt sich schnell an den neuen Tagesablauf.

Was kostet die Alpenüberquerung auf dem E5?

Ich finde das Preis-Leistungs-Verhältnis unserer durchorganisierten Reise ganz angemessen. Für Einzelzimmer, Halbpension, Wanderführer, Transfers und nicht zuletzt die Motivation durch unsere fröhliche Gruppe haben wir pro Person 1350 Euro bezahlt. Das war es mir wert. Die Anreise mit der Bahn (früh gebucht, Sparpreis) hat pro Person nochmal um die 60 Euro gekostet – hin und zurück. Sicherlich kann man die gesamte Reise auch für den halben Preis oder weniger absolvieren, wenn man sich mit Wanderkarte selbst durchschlägt, in den Matratzenlagern der Hütten übernachtet und vielleicht noch Mitglied im Deutschen Alpenverein ist.

Nach dem Frühstück geht es dann entlang des Grates über den Gipfel des Venet. Dort wartet ein Gipfelkreuz und ein Rundumblick – Zeit für Selfies. Noch ein paar Meter geht es bergauf, ein weiteres Kreuz, und dann beginnt schon der Abstieg.
Das Wetter: heiter! Die Wander-Crew: auch!

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