YTT Gruppenfoto 1
Blog,  Gili Trawangan,  Indonesien

Die Landkarte ist nicht das Territorium*: 4 Wochen Yoga auf Gili Trawangan

„Bist du Yvonne? Die warten alle auf dich!“ Einer der Freedive-Trainer tippt mit seinen Fingern nervös auf eine Werbetafel am Eingang zum Freedive- und Yoga Garten. Der Vorwurf in seiner Stimme ist schwer zu überhören. Ich bin noch ganz benommen von der dreistündigen Bootsfahrt und dem Hochwuchten meines 15-Kilo-Rucksacks, der Jetlag von vorgestern ist auch noch nicht ganz weg und ja, ich bin ganze zehn Minuten zu spät bei meiner Ankunft am gefühlten Ende der Welt. „Naja, Yogis sind ja entspannte Leute“, schiebt er seinem Vorwurf hinterher. Das will ich hoffen.

* „The map is not the territory.“

Alfred Korzybski, Wissenschaftler

Tatsächlich stellt sich die Lage im Yoga Shala weniger dramatisch dar. Die Gruppe hat schon angefangen zu meditieren. Alle Augen sind geschlossen. Dann weiß ja sowieso niemand ob ich vielleicht doch nur eine Minute zu spät war. Ich sinke so leise ich kann auf das noch freie Bolster.

Dicke Bretter, bohrende Fragen
Wenn Yogis an der Flasche drehen
Dein Körper ist ein Besserwisser
Die Freiheit, nicht frei zu tauchen
Ein paar Essentials in Sanskrit
Alles im Fluss
Ein guter Yogi kennt seine Grenzen
Bandhas, Chakras, Tantra…häh?
Weniger „vielleicht“, mehr „ja“
Sei nicht perfekt, sei ehrlich
Links und Bücher
Ausflugs- und Touri-Tipps

Nach einer Weile tauchen wir aus der Meditation auf. Ich stammle ein paar Sätze der Entschuldigung und stelle mich vor. Die Freude, endlich da zu sein, runter von diesem Boot, in meinem Urlaubstraum 2018 – wirkt noch nach. Ich bin neugierig auf diese sieben unbekannten und so unterschiedlichen Gesichter in der Runde und natürlich auf unsere Lehrerin Kate, die ich bisher nur von ihrem schillernden Instagram-Account und aus E-Mails kenne. Und ich bin gespannt, was da neben uns passiert. Auf der Baustelle. Wir sitzen nämlich nicht in der eigentlichen Yoga-Halle, die beim Erdbeben vom Sommer teilweise zerstört wurde, sondern in einer kleineren Version nebendran. Dort wo wir eigentlich unser OM chanten sollten, ist Chaos. Der Boden aufgerissen, Arbeiter klopfen, bohren und hämmern. Das kann ja hier nicht so weitergehen, denke ich, immerhin machen wir hier ein Yoga Teacher Training (YTT), hallo? Ja wie soll ich da vier Wochen meditieren? An dieser Stelle sei nur gesagt: Ständige Exposition und enttäuschte Hoffnungen machen demütig.

Dicke Bretter, bohrende Fragen

Das Hämmern, Bohren und Klopfen wird in der Tat zur ersten großen Prüfung und Metapher dieses YTT. Ich habe eine Million „Trigger“, die in mir Gefühle auslösen. Lärm steht ganz weit oben. Vermutlich, weil ich einfach extrem gut und gerne (zu)höre. Die Baustelle und ich werden nach anderthalb Wochen und nach Phasen der Trauerbewältigung (Nicht-Wahrhaben-Wollen, Wut, Rückzug, Anpassung) beste Freunde. Ich bin ein kleines bisschen stolz auf mich.

Immerhin: Die Arbeiter fangen morgens später an als wir. Ab jetzt geht der Wecker um 6:20 Uhr – außer an unseren drei freien Tagen. Schlaftrunken tapsen wir Morgen für Morgen in die Shadana. Das wichtigste Utensil neben Matten, Kissen und Blöcken für die Asanas: Notizbuch und Stift. Oft beginnen wir den Tag noch vor der Meditation mit einer Reflektion, einer Dankbarkeitsliste oder freiem Schreiben. Letzteres fällt mir überraschend schwer, lieber antworte ich auf konkrete Seins-Fragen. Nach den zwei Stunden notieren wir außerdem ab jetzt jeden Tag, was wir von Kate’s Praxis behalten haben und welches übergeordnete Thema sie uns näher bringen wollte. Der Fragen-Dreiklang „What? So what? And how?“ wird zu unserem täglichen Begleiter. Ich habe am Anfang Probleme mir selbst den einfachsten Flow zu merken. Nach drei Asanas ist in meinem Kopf irgendwie Stau. Noch schlimmer sind die spontanen Improvisations-Aufrufe, die Kate nach und nach immer öfter einstreut. Mir fällt anfangs gar nichts ein, dabei bin ich doch hier zum Yoga machen. Nun mach halt Yoga. Ja, aber wenn ich plötzlich die freie Wahl habe, wird es schwierig. Ich stehe ewig im Baum oder Hund, krame in meinem Kopf verzweifelt nach einer Asana aus meiner Yoga-App und dem Unterricht in Köln. Von Flow kann keine Rede sein, mit rechts und links komme ich auch durcheinander. Wie soll ich mir jemals Sequenzen für eine 60 Minuten Stunde merken können? Am Ende bin ich einfach nur froh, wenn Kate das Ende der Impro-Phase einläutet: Kindspose! Savasana!

Wenn Yogis an der Flasche drehen…

Auch wenn sie wie jemand wirkt, der sich selbst mit aller Härte beurteilt: Kate nimmt jeglichen Druck raus aus dem YTT, nach einer Woche haben wir gerade mal spielerisch einen Sonnengruß in Teamwork angeleitet. Wir machen außerdem weniger Yoga und weniger Yoga-Theorie als ich dachte. Auf dem Stundenplan steht was sarkastische Gemüter vielleicht als „Ringelpiez mit Anfassen“ übersetzen würden („Authentic Relating“), außerdem Yoga Labs, in denen wir weniger Asanas sondern eher unsere Intuition und Kreativität trainieren sowie Mut und Neugier. Diese Stunden und kleine Einheiten zu NVC („nonviolent communication“) werden zu meinen Lieblingssitzungen. Auch wenn sie mich zusätzlich zum Klima oft ins Schwitzen bringen und zum Weinen. Aber das fühlt sich gut an. Wann habe ich mal einem fast unbekannten Menschen drei Minuten stumm und ununterbrochen in die Augen geschaut? Noch nie. Wann habe ich jemandem, der die Augen geschlossen hat, Töne vorgespielt, Duftwasser unter die Nase gehalten und an meiner Hand durch den Garten geführt? Noch nie. Wann habe ich tagsüber stocknüchtern wild getanzt, Tierlaute gemacht, auf Kommando gelacht und rumgeschrien? Noch nie. Wann habe ich mich minutenlang vor eine Gruppe gestellt, die mich schweigend beobachtet und ich sie? Noch nie. Wann habe ich „Musical Chairs“ gespielt und zugegeben, schonmal vor meine Haustür gepinkelt zu haben, weil ich es nicht mehr zur Toilette geschafft habe? Noch nie.

Was klingt wie ein Ausschnitt aus einer Drogen-Orgie oder schlicht dem Wahnsinn ist – ja – ein Stück weit Wahnsinn. Und gar nicht so esoterisch. Es ist eher so wie vier Wochen Flaschendrehen mit Gymnastik. vor allem eine irre Selbsterfahrung. Immer wieder denke ich während der vier Wochen YTT: Das hier sollte verdammt nochmal jeder mal gemacht haben. Jeder kann sich nehmen was er braucht. Yoga und alles was mitschwingt, ist einfach ein wunderbarer Baukasten.

Authentic Relating – was ist das? AR ist eine Form des Seins, nicht eine Form des Denkens. Es geht um „Verkörperung“ dessen, was du tust. Die fünf Prinzipien sind:

  1. Welcome everything – Heiße alles willkommen, Negatives wie Positives
  2. Assume nothing – Stell keine Vermutungen an, sei neugierig
  3. Reveal – Versteck dich nicht, sei verletzbar, sei explizit
  4. Own your experience – Du bist für dein Erleben verantwortlich, nicht die äußere Welt
  5. Honor Self/Honor Other – Achte deine Bedürfnisse, aber auch die der anderen

Es gibt ein Pendel zwischen Humility (Demut) und Dignity (Würde). Die Frage ist: Was kann ich tun, um in Demut und Würde zu bleiben und nicht das eine für das andere zu opfern?  Die Arbeit fängt außerhalb der Yogamatte und des Gruppenzirkels erst an. Eine Lektion: Klar sagen, was ich brauche, auch wenn es vielleicht gerade nicht erfüllbar ist. Aber: Es aussprechen hat einen verrückten Effekt. Man bekommt mindestens Aufmerksamkeit, wird gehört, und irgendwie bekommt man dann sowieso „was man braucht“. Und: Frag andere öfter mal, ob sie gerade etwas brauchen. So simpel! Manchmal braucht man auch nur eine Karte mit einer „Truthbomb“ von Danielle La Porte. Am Ende schreiben wir uns gegenseitig „Wahrheitsbriefchen“. Ich fühle mich ja normalerweise unwohl mit Romantik und Kitsch, aber: Warum eigentlich? Manchmal ist es eben schön, in goldenem Glitter zu duschen.

Ohne es gewollt, geplant, geahnt zu haben, habe ich Geschichten und Gedanken geteilt, die vorher noch kaum jemand zu hören bekommen hat. Zwischendurch sah ich mich immer wieder selbst im Yoga Shala sitzen und hatte immer wieder plötzlich eine blitzartige Idee davon, wie sich ganz tiefes Glück anfühlen kann. Vorfreude. Dankbarkeit. Für das, was ich erleben darf. Für das, was noch vor mir liegt, wenn ich Chancen beim Schopfe packe. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Es ist launisch. Es verschwindet in einem Augenschlag. So schnell, wie es gekommen ist. Seitdem warte ich. Ohne zu suchen. Es wird wiederkommen und ich werde nicht beleidigt sein, wenn es nur kurz bei mir bleibt. Wir haben unserem zukünftigen Selbst auch einen kleinen Brief geschrieben. Was würde die weise alte Yvonne der 37-jährigen Yvonne sagen? Ich musste nicht lange nachdenken und – wie immer – fasste sich die alte, weise Yvonne so kurz wie die „junge“: Calm down. Wait. Don’t give a shit. Ein kurzer Brief. Eher ein Telegramm. Ich musste nur beobachten, wie meine Hand die Dinge wie von selbst in mein Notizbuch kritzelt. Was beweist: Alles was richtig ist, was du wissen musst, ist schon da, in dir, und du weißt es längst. Du hast es nur vergessen. Wo hat dein Geist Frieden, wo nicht? Du weißt es. Was blockiert dich, was fühlt sich widerspenstig an in dir? Du spürst es. Niemand braucht einen Guru, wir sind unsere eigenen.

Dein Körper ist ein Besserwisser

Glaubt man der „Bibel des Yoga“, den Sutras des Patanjali, so ist unser Ziel „ekstatische Transzendenz“, pure Begeisterung, Verzückung. Bis zu diesem Zustand des Samadhi sind erst noch sieben andere Stationen zu „meistern“, in genau dieser Reihenfolge: Yamas und Niyamas (siehe unten), Asana-Praxis, Pranayama, Pratyahara (Ausschalten der fünf Sinne), Dharana (Konzentration), Dhyana (Meditation) und schließlich das Ziel allen Yogas: Samadhi, ein völliges Aufgehen im Objekt über das meditiert wird, unaussprechliche Bewusstheit und Freude.

„Yoga versucht nicht, uns zu verändern.

Yoga hilft uns, unseren natürlichen Zustand wiederzufinden.“

Kate

Samadhi habe ich erwartungsgemäß in den vier Wochen nicht erreicht. Aber mit jedem Tag bekam ich mehr Lust darauf, zu lernen, zu lernen, zu lernen. Kates Stil ist inspiriert von den Ideen des „Embodied Flow“:

  • Bodymind „The brain is the last to know“ – der Körper ist dein bester Lehrer und sagt dir eigentlich ziemlich klar, was er kann und braucht. Asanas entfalten sich nicht vom Kopf, vom Willen her, sondern vom Boden, von meinen Füßen, aus. Und aus der Körpermitte.
  • Yielding (Nachgeben, Fließen): Yoga heißt, mit Stärke und Entspanntheit zugleich praktizieren. Alles kommt von einem Punkt der Leichtigkeit, aus einer Art „goldenen Mitte“. Ich verliere nicht die Körperspannung bzw. kollabiere nicht in einer Asana, ich verkrampfe aber auch nicht vor Anstrengung oder überstrecke meine Gelenke. Der Atem weicht nicht aus, er führt mich.
  • Pfade der Verbundenheit: Dein Körper ist ein Wunder und alles ist mit allem verbunden. Du kannst deinem Körper helfen, durchlässiger zu werden und sich natürlich zu bewegen. Stell dir vor, dein Bauchnabel sendet Energie und Weisheit in alle sechs Glieder deines Körpers (Arme, Beine, Steißbein, Krone deines Kopfes). Wo stockt der Flow? Was blockiert deinen Flow?
  • Artikulation und Integration Unser Körper ist ein Orchester. Manchmal müssen wir uns einzelnen Instrumenten zuwenden, ihnen zuhören und sie etwas stimmen, um die gesamte Sinfonie wieder melodisch werden zu lassen.
  • Flow und Moment-to-Moment Presence Das ultimative Ziel ist in der Gegenwart, in diesem Moment, präsent zu sein. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft. So bewegen wir uns von Moment zu Moment. Bleibe im Flow, nicht in deiner Geschichte von Vergangenheit und Zukunft. Sei authentisch.
  • Atem ist die Strömung des Lebens: Prinzip des Spanda, was so viel bedeutet wie die dem Leben zu Grunde liegende Pulsschlag, die zu Grunde liegende Schwingung. Der Tanz von Kontraktion und Ausdehnung.
  • Nabel-Strahlung aus der Körpermitte: Wir haben sechs Gliedmaßen, nicht nur vier. Zu den Armen und Beinen kommen noch die Krone des Kopfes und das Steißbein. Der Knotenpunkt, das Drehkreuz, das Zentrum, ist der Bauchnabel.
  • Die Wirbelsäule ist unsere vertikale Ader, der Highway des Lebensatems, der Haupt-Energie-Kanal (Shushumna Nadi)
  • Pfade des Gewichts: Die mühelose Weitergabe von Energie – ein Gleichgewicht, das Kollabieren und Überstrecken verhindert
  • Alles ist im Fluss und jede Zelle atmet: Wir haben 37 Millionen Zellen. Jede hat ein Bewusstsein. Wir bestehen zu 70% aus Flüssigkeit. Wir sind dazu geboren mit Anmut und Leichtigkeit durch das Leben zu gleiten. Organe, Nervensystem, Hormonsystem und Chakras – alles ist Teil des Ganzen

Auch die Baustelle ist weiter Teil des Ganzen. Die Geräusche verändern sich mit der Zeit. Nach der Vorband „Hämmern und Klopfen“ steht jetzt der Hauptact auf der Bühne: Die Kreissäge. In der zweiten Woche verlieren manche von uns die Nerven. Zurecht. Ich bin überraschenderweise nicht dabei. Vielleicht sind es die Nelkenzigaretten, die ich noch von meinem ersten Besuch in Indonesien kenne und die ich mir auch hier als Droge erlaube. Sie scheinen mich von einem Wutanfall abzuhalten. Sicher sind es aber auch der „Group-Hug“ und das ekstatische Tanzen. Kleine Dinge können Wunder wirken. Der Verzicht auf Kaffee und Alkohol auch, was auf einer Partyinsel wie Gili Trawangan schon besonderen Willen erfordert. Wenn nur die Zigaretten nicht wären. Unyogisch. Aber ich will nicht zu hart zu mir selbst sein. Das gilt auch für die Einheiten unserer Ausbildung, die mir schon beim Blick auf den Stundenplan Kopfzerbrechen bereiten: Freediving. Mir schwant nichts Gutes. Ich kann meine Luft für vielleicht zehn Sekunden anhalten. Und auch nur, wenn ich im Trockenen sitze oder liege, mich nicht bewege und vorher ausgeatmet habe. Das sind so ziemlich die absurdesten Voraussetzungen fürs Tauchen. Das habe ich im Gefühl. Außerdem steigt ein Funken Groll in mir auf: Wieso muss ich hier herumplanschen, ich will Yoga lernen! Dazu gehört aber wohl auch, das Ego und Schranken im Kopf beiseite zu schieben. Ich muss das ja nicht können und schon gar nicht lieben. Ich mache keinen Hehl aus meinem Unwohlsein, es steht mir sowieso auf die Stirn geschrieben. Ich will aber auch kein Spielverderber sein.

Die Freiheit nicht frei zu tauchen

Wir beginnen im Yogaraum mit einigen Atempausen. Nach dem Einatmen, wohlgemerkt. Mir ist schon schleierhaft, wie ich meinen Körper richtig mit Luft fülle. Ich konnte schon immer deutlich mehr Luft ausatmen als ein – bei Atemübungen wie Nadi Shodana genieße ich lange Zählzeiten beim Ausatmen. Jetzt also anders herum. Und nicht ans Wasser denken. Gar nicht so leicht. Auch weil wir als nächstes schon in den Pool steigen. Mit Schnorchel und Neoprenanzug. Wir lernen eine Entspannungsübung und sollen: Wie durch einen Strohhalm einatmen durch den Mund (Wahnsinn, so krieg ich Tonnen mehr an Luft herein) und ausatmen durch den Mund mit einem sanften S-Laut. Super! Ich bin total entspannt. Kopf über Wasser. Bald sieht das ganz anders aus. Wir machen die Übung einige Male, sollen dann locker und „normal“ einatmen und, man errät es leicht, untertauchen! Mein Horror. Meine Partnerin ist Megan und sie taucht gar nicht mehr auf. Sie liegt bestimmt eine Minute wie ein toter Fisch auf der Wasseroberfläche. Ich bin neidisch. Mein Versuch gerät weniger elegant: Ich zähle innerlich bis zwanzig und schrecke aus dem Wasser hoch wie aus einem grusligen Alptraum, mit leichtem Erstickungsanfall. Da habe ich es mal wieder: Wasser ist einfach nicht mein Element. Ich finde außerdem, wir sollten der Ozeanwelt ihr Wohnzimmer nicht streitig machen. Wir gehören nunmal an Land qua Natur, basta! Mit dieser Einstellung bin ich hier unter einigen leidenschaftlichen Freedivern etwas isoliert. Das halte ich aus und liege beim späteren Schnorchel-Ausflug als erste auf dem Sonnendeck. Ich habe genug gesehen. Die „Duck Dives“ verpasse ich. Auch das ist Selbstliebe.

Überhaupt geht es hier ständig um: Selbstliebe. Ganz platonisch. Je länger ich mich damit beschäftige, desto stärker merke ich, wo und wann ich mich vernachlässigt habe oder das immer noch tue. Die Einsicht hat etwas Entwaffnendes. Das gilt auch für unsere Anatomie-Woche. Wann habe ich mich in meinem Leben jemals wirklich mit meinem Körper beschäftigt? Selten. Und nur dann, wenn er krank war. Wir besprechen, was Yoga für das periphere Nervensystem tun kann. Viel! Während das sympathische Nervensystem für Adrenalin und (eher unsympathisch) für die Stress-Reaktionen „Flight, Fight, Freeze“ verantwortlich ist, kümmert sich das parasympathische Nervensystem um die Momente „Rest, Digest“. Ich kämpfe mit den englischen Begriffen für die verschiedenen Muskeln und Gelenke. Mir fallen im Unterricht immer wieder die Augen zu – und ich träume von meinem Wörterbuch, das ich leider zuhause in Deutschland vergessen habe. Immerhin: Wenn wir „hands on“ üben, also wie man Yoga-Schüler besser in Position bringt, werde ich wach. Am Ende der Woche bleib mir von der Theorie gerade einmal ein faszinierendes Fun Fact unauslöschlich im Gedächtnis: Im herabschauenden Hund sind mit Händen und Füßen sage und schreibe 106 von 206 menschlichen Knochen auf dem Boden – also mehr als die Hälfte!

Ein paar Essentials in Sanskrit

Yamas

1. Ahimsa/Gewaltlosigkeit; 2. Satya/Wahrheit, Authentizität; 3. Asteya/Nicht-Stehlen, Großzügigkeit; 4. Brahmacharya/Selbstbeherrschung; 5. Aparigraha/Nicht-Anhaften, Nicht-Annehmen von Geschenken

Niyamas

1. Saucha/Reinheit in Nahrung, Kleidung, Sprache, Kopf; 2. Santosha/Zufriedenheit, Lieben was ist; 3. Tapas/Selbst-Disziplin, Energie und Freude das zu tun was zu tun ist; 4. Svadhyaya/ Selbst-Erforschung, das eigene Denken und Handeln beobachten und reflektieren; 5. Ishvara Pranidhana/Hingabe an das Göttliche, an unsere Natur

Sat-Chit-Ananda

Sein/Wahrheit – Bewusstsein – reine Freude/Glückseligkeit; der Dreiklang findet sich in Brahman und Atman

Brahman

Das absolut Höchste, dem alles zu Grunde liegt; das Unendliche; das Unwandelbare; der Ozean

Atman

Persönliche Seele, das unzerstörbare Selbst; die Essenz des Geistes; ein Wassertropfen im Fluss zum Ozean; wortwörtlich meint Atman Lebenshauch/Atem

Sthira Sukham Asanam

Prinzip des „Yielding“. Eine Asana soll sich stabil und komfortabel zugleich anfühlen. Das heißt nicht, nur das zu tun, was bequem ist, sondern Mühelosigkeit und Anmut zu finden in der Anstrengung. Finde den „sweet spot“! Fordere dich heraus – von einem Punkt der Entspannung aus, nicht von einem Punkt des Stresses.

So ham

Ich bin das (der, der ich bin); ein einfaches Mantras zur Meditation

OM

Die kollektive Vibration des Universums – und eine wunderschöne Art eine Yoga-Praxis zu starten und zu beenden. Das „OM“ wird im Übrigen gesungen wie eine Abfolge aus „Aaaaa“ – „Uuuuu“ – „Mmmm“. Erst dann stellt sich diese tiefe Vibration von unten nach oben ein, der volle, dich und den Raum erfüllende Klang! Und nicht ein nach zwei Sekunden versiegendes „Öm-chen“, bei dem man hauptsächlich die Lippen zusammenpresst und bloß nicht zu laut werden will (ja, so war das bei mir am Anfang…)

Dharana – Dhyana – Samadhi

Auf dem Weg zur Meditation die drei Stufen der Versenkung. In der ersten rezitieren wir z.B. ein Mantra und konzentrieren uns auf uns oder ein Objekt. In der zweiten denken wir nicht mehr bewusst an das Mantra und sind voll eingetaucht in die Betrachtung. In der dritten sind wir völlig versunken in einen Zustand, der über Wachen, Träumen und Schlafen hinausgeht. Hier passiert eine natürliche Atempause

Yin und Yang

Yin steht für das Feminine, das Empfangende, das Passive; entspricht dem Ida-Nadi; Yang steht für das Männliche, das Gebende, das Aktive; entspricht dem Pingala-Nadi. Beides nicht zu verwechseln mit…

Yoni

Vagina bzw. weibliche Geschlechtsorgane

Alles im Fluss

Noch ein anderes Wort nimmt im YTT großen Platz ein: Flow! Was ist das überhaupt? Wenn wir in einem Flow-Zustand sind, dann sind wir in einer perfekten Balance zwischen unseren Fähigkeiten und einer Herausforderung. Wenn wir uns langweilen oder wenn wir uns überfordert fühlen, geraten wir raus aus dem Flow. Neugier und Verspieltheit halten uns drin! Für Flow braucht es auch klare Ziele, klares Feedback, Fokus, eine Motivation die von innen kommt, Selbst-Bewusstsein, Mobilität und „active coping“. Das heißt: Auch wenn ich mich durch kleine Irritationen ablenken lasse, dann verurteile ich mich nicht dafür, sondern kehre einfach zurück in meinen Flow. Zurückkehren, immer und immer wieder – das, so lernen wir, ist auch eines der wichtigsten Dinge in der Meditation.

Fast so kurz wie ein Moment, wie eine Ablenkung, ist auch ein Gefühl. Chemisch betrachtet, dauert eine Emotion gerade einmal 90 Sekunden. Danach hat das Gehirn sie verarbeitet – außer, ja außer ich erhalte sie durch mein Geschichtenerzählen (ob nun leise im Kopf oder laut in Gesellschaft) am Leben. „Unglaublich, was xy gestern ….und dann hat er/sie noch….“. Wer sich die Geschichte selbst oder anderen immer wieder erzählt, der füttert auch die dazugehörige Emotion. Manchmal kann es helfen, ein Gefühl körperlich buchstäblich abzuschütteln. Enten machen das so. Wenn sie streiten, gehen sie danach getrennte Wege und schütteln sich. Kein endloses Gequake. Wie spannend, sich das zu vergegenwärtigen.

Ein guter Yogi kennt seine Grenzen

Einige yogische Tagesordnungspunkte des YTT fallen mir nicht so leicht. Dazu gehört eine Kriya (Reinigungsübung), die wir regelmäßig morgens praktizieren. Ich glaube, in diesem Leben werden „Kapalabhati“ und ich keine Freunde mehr. Die Atemtechnik hat von außen betrachtet etwas von einer Panikattacke. Die Luft wird stoßweise durch die Nase ausgeatmet, der Bauch schnellt dabei vor und zurück. Ich gerate immer wieder außer Atem und bekomme sowas wie Muskelkater im Unterleib – irgendwas mache ich hier falsch. Der leichte Schwindel hinterher ist aber wohl normal. Mich überzeugt das nicht so recht. Auch wenn ich hinterher schon das Gefühl habe, meine Lungen gereinigt zu haben und den Kopf auch. Vermutlich, weil ich die ganze Zeit mein hechelndes Selbst beobachtet habe und angestrengt versucht habe zu zählen, ob ich parallel zu den anderen schon drei Mal 50 Atemzüge geschafft habe (habe ich nie). Eine andere Kriya scheint auch nicht unbedingt für meinen Körper gemacht: Dabei rollt man den Unterleib im Kreis, zur Anregung des Darms. Finde ich prinzipiell eine gute Idee, aber es sieht nicht annähernd so aus wie bei Kate. Das gilt im Übrigen für nichts was wir tun, aber ich mache irgendwann in etwa der Mitte des Trainings meinen Frieden damit. Wichtiger noch: Ich akzeptiere mehr und mehr, dass es nicht darauf ankommt, wie eine Übung oder Asana bei mir aussieht, sondern nur, wie es sich für mich anfühlt. Lass’ dein Ego zuhause – „do not try to nail a pose!“ Zu einer Asana gehört nicht nur das „Endprodukt“, sondern auch, wie achtsam du in sie hineingehst und wie achtsam du wieder herauskommst.

Bandhas, Chakras, Tantra…häh?

Zum ersten Mal erfahre ich außerdem etwas über Dinge, die ich bisher als esoterisch abgetan habe und die mir irgendwie mysteriös erschienen: Bandhas, Chakras, Tantra.

Bandhas heißt übersetzt Schloss im Sinne von „verschließen“. Die Schlösser sollen Energie im Körper steuern und halten. Mula Bandha sitzt im Beckenboden und wird durch das Zusammenziehen der Muskulatur aktiviert. So ähnlich, wie wenn man eigentlich zur Toilette muss, das aber aufhalten will. Dadurch soll verhindert werden, dass Prana (Lebenshauch, Energie) nach unten abfließt. Uddiyana Bandha spielt sich im Bauchraum ab: Nach dem Ausatmen zieht man den Bauch nach innen, um das Prana auch hier zu halten. Jalandhara Bandha befindet sich in der Kehle und wird durch ein Senken des Kinns hin zur Brust nach der Einatmung aktiviert. Man kann auch die Zungenoberseite an den Gaumen legen.

Chakras sind Räder an den Kreuzungen unserer zwei Haupt-Energiebahnen im Körper. Plötzlich bekommt der Spruch „am Rad drehen“ für mich eine ganz neue Bedeutung. Ist ein Chakra nicht in Balance, dann blockiert es den Energiefluss von unten, dem Wurzelchakra, hin zum Kronen-Chakra, etwas oberhalb des Kopfes. Leuchtet mir plötzlich irgendwie ein. Glaube ich meiner Intuition und diversen Online-Befragungen, dann muss ich an Manipura und Anahata arbeiten. Manipura, das Nabel-Chakra, repräsentiert durch die Farbe Gelb, beheimatet das Ego, den Willen, Feuer und Selbst-Definition. Anahata, das Herz-Chakra, assoziiert mit der Farbe Grün, ist verantwortlich für die soziale Identität, Selbst-Liebe, Mitgefühl. Ich kann bei dem Konzept mitgehen – auch wenn ich noch nicht genau weiß, wohin. Es bleibt so ein zarter Nachgeschmack wie nach dem Lesen des eigenen Horoskops: Es stimmt immer. Alle anderen allerdings auch.

© andrewnoske.com/wiki/Chakras

Tantra. Das Vorurteil, dass es sich schlicht um unaussprechliche sexuelle Rituale handelt, habe ich ja schon länger aufgegeben. Die Definition, die wir jetzt lernen, gefällt mir sehr viel besser: Tantra direkt übersetzt heißt sowas wie „Webe-Technologie“ – eine Technologie der Verbindung. Tantra basiert auf der Idee der Einigkeit, alles ist Teil des Ganzen. Die Vorstellung, dass wir von anderen und der Natur getrennt sind, ist eine Illusion. Wir nehmen die Welt zwar in Gegensätzen und Paradoxen wahr (gut/schlecht, männlich/weiblich, aktiv/passiv), in Wirklichkeit sind wir alle Eins, eine übergeordnete Realität, etwas Göttliches. Im Zentrum des Tantra steht der Körper – er ist das Vehikel für das Erwachen. Jeder ist dazu in der Lage, jeder ist göttlich.

Weniger „vielleicht“, mehr „ja“

In Woche Vier wird es doch noch athletisch. Wir haben einen Gast da, über den die Meinungen hinterher weit auseinandergehen werden: Nik Wood und sein ganz spezielles Workout: „Life Athletics“. Die Essenz ist in etwa die: Wenn du nicht zu allem in deinem Leben enthusiastisch und aus vollem Herzen „Ja“ sagen kannst, dann lass es. Das gilt auch für das, was du dir noch vorgenommen hast und Nik „horizon life“ nennt. Selbst wenn wir zu 95 Prozent zufrieden sind, werden die restlichen 5 Prozent eine Wirkung auf uns haben. Ein paar meiner Lieblings-Weisheiten aus dem Workshop zum An-die-Klowand-schreiben:

  • „Everybody wins the game he’s playing.“
  • „Be turned on by life. Even if it is confrontive.“
  • „Do not dim yourself. The world does not need more dim people.“
  • „Get rid of shame and guilt. The people around you are strong enough to handle what you are doing.“
  • „You do not wait for ALL the traffic lights of the city to turn green to pass just one crossway.“
  • „Fill your cup first and let others drink from the overflow.“

Vor allem der letzte Punkt zu gesundem Egoismus sorgte bei uns für einige Diskussionen. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Was selbstsüchtig klingt, ist am Ende aber eben doch ein Stück weit wahr.

Sei nicht perfekt, sei ehrlich

„Do you think you have something to give?“, fragt Kate in die Runde. Die meisten schauen unschlüssig umher. Ich habe, wie so oft, das Gefühl, dass alles, was jemals gegeben werden könnte – ob im Yoga, im Beruf oder in anderen kreativen Bereichen – längst schon von jemand anderen gemacht wurde. Vor uns, vor mir. Und vermutlich besser. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Mich mit dem Gedanken anfreunden, dass ich selbst noch eine weitere Sahnehaube oben drauf setzen kann, ist gar nicht so leicht. Kate schaut uns fast ein wenig erschrocken und ungeduldig an und insistiert: „Everybody of you has something to give! Everybody of you is a Yoga teacher!“

Plötzlich ist die letzte Woche angebrochen. Wo ist die Zeit geblieben? Vermutlich lag es am „Flow“. Ab der Hälfte des ATT verging die Zeit wie im Flug. Jetzt ist die Zeit der Lehrproben gekommen. Schließlich sollen wir hier ja nicht nur tiefer ins Yoga eintauchen, sondern auch unsere Trainer-Qualitäten entdecken. Kate benutzt oft das Wort „facilitator“ – im Sinne von Vermittler bzw. Unterstützer – und so versteht sie auch ihre Rolle. Sie hat uns definitiv ins richtige Boot gesetzt, uns aber schnell mit dem Rudern und Steuern allein gelassen.

„We do not teach Yoga to be liked or to be right. We share an experience of our own to others.“

Kate

Ich kann schon einige Nächste vor meinem „Auftritt“ nur unruhig schlafen und bin froh, dass wir einen DIN A5 Spickzettel erlaubt bekommen. Ich bin zum Glück schon die zweite auf der Liste und fühle mich beim Anleiten gar nicht so unwohl wie erwartet. Mein Lieblings-Mantra beschließt die Stunde – ich habe Gänsehaut. Mir ist egal wie die anderen es fanden: Ich fand’s super. Zu diesem Punkt komme ich selten. Ich werte es als gutes Zeichen. Kate nennt mich einen „storyteller“, ein „radiating heart“. Da ist was dran. Mein Herz strahlt zwar mitunter ungestüm und wild – aber damit muss meine Umwelt wohl klarkommen.

„Do not be a perfect teacher. Be an honest one.“

YTT guest teacher Niklas Elgeryd

Ich darf Fehler machen, darf Dinge nicht können oder nicht wissen. Yoga ist eine spannende Reise – egal ob man in oder vor einer Gruppe sitzt. Ich muss mich nicht neu erfinden. Im Gegenteil: Ich muss mir selbst treu bleiben. Ich darf ausprobieren, darf meine Meinungen und Entscheidungen ändern. Ich darf die alte sein und ich darf klein denken. Wenn, ja wenn, mich das aufrichtig glücklich macht. Wenn auch nur für diese magische Pause zwischen Ein- und Ausatmen. Davon gibt es schließlich mehr als genug.

Gäbe es einen Epilog, dann würde da stehen, dass ich so so dankbar bin, diese Seelen kennengelernt zu haben: Grace, Tracy, Daniel, Megan, Faye, Sam and Elissa.

Einige Lieblings-Links und -Bücher:

  • „A New Earth“; Eckhart Tolle
  • „Yoga – Tradition und Erfahrung“; T. K. V. Desikachar
  • „The Heart of Yoga: Developing a Personal Practice“; T. K. V. Desikachar
  • „Jivamukti Yoga“; Sharon Gannon and David Life
  • „Meditation for the Love of It“; Sally Kempton
  • https://www.yogajournal.com/ – ein tolles Themen-Reservoir, professionell geschrieben und mit einem sehr guten Asana-Lexikon inklusive Ausführungstipps
  • https://www.downdogapp.com/ – App, die ich für meine Praxis nutze (englischsprachig; kostenlos oder Premium-Version)
  • https://insighttimer.com/ – App, die ich für geführte Meditationen nutze (englischsprachig, kostenlos)
  • https://www.youtube.com/watch?v=xmthYcJ2FCA – Pema Chödrön, eine der schönsten Mindfulness Meditationen, die ich kenne!
  • https://gewaltfrei.de/ – Trainings und Trainer der Gewaltfreien Kommunikation

Ausflugs- und Touri-Tipps

  1. Nusa Penida (Kelingking Beach – Trauben von Besuchern, trotzdem atemberaubend), Nusa Lembongan (Sonnenuntergang im Sandy Bay Club) und Nusa Ceningan (Blaue Lagune, Mahana Point !!)
  2. Mit dem Boot („Linienverkehr“) von Gili T nach Gili Air und eine chillige Yoga-Stunde im Pool machen, schnorcheln oder shoppen.
  3. Mit dem Boot („Linienverkehr“) von Gili T nach Gili Meno und einen der schönsten Blicke auf die Lombok-Skyline genießen im Strand-Restaurant von Biru (Nicht wundern, wenn Palatschinken auf der Karte steht, die Besitzer stammen aus Österreich)
  4. Hoch fliegen – beim Fly High Yoga auf Gili T in einer offenen Hütte auf hohen Stelzen und bester Aussicht
  5. Was fürs Karma und die Umwelt: Müll am Strand neben der La Moomba Bar aufsammeln oder den Gili Eco Trust unterstützen, zum Beispiel mit einer Spende oder bei den regelmäßigen Beach Cleanups

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